Seit 2011 herrscht Krieg in Syrien. Bislang mit über 500.00 Kriegstoten, die Hälfte der Bevölkerung verlor ihre Heimat. Doch seit Russland die Ukraine angegriffen hat, gerät Syrien vollends aus dem Fokus. Denn der Krieg dauert an, die Zivilbevölkerung leidet und der Krieg in der Ukraine macht eine Lösung noch komplizierter.

Aktuell fehlt es in Syrien – wie in vielen anderen Ländern des globalen Südens – an Getreide. Infolge des Krieges in der Ukraine wird weniger Getreide international gehandelt. Und auch in Syrien werden die Lebensmittel zurzeit teurer. "Das verstärkt den Hunger", sagt Kristin Helberg. Die freie Journalistin ist Expertin für Nahost und eben auch Syrien. Aber die Not im Land ist schon riesig: "90 Prozent der Bevölkerung leben in Armut."

Allianz zwischen Syrien und Russland

Wie sich der Krieg in Syrien bis heute entwickelt hat, das hängt auch eng mit den Beziehungen zwischen Russland und dem Regime von Baschar Al-Assad zusammen.

"Russland hat eigentlich Machthaber Assad an der Macht gehalten – über all die Jahre", sagt Kristin Helberg. Entscheidend dafür war die Unterstützung durch die russische Luftwaffe. Deshalb gelte unter vielen Syrien-Expertinnen und -Experten die Ansicht, dass der Weg zu einer politischen Lösung des Krieges über Moskau führt.

Eine dicht befahrene Straße in Damaskus. Im Hintergrund hängt ein großes Porträt von Assad.
© imago images / Arabian Eye
In Damaskus kann Baschar Al-Assad weiterhin auf Unterstützung zählen.

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist die Kommunikation zwischen Präsident Wladimir Putin und westlichen Staaten abgebrochen. Es wird nicht verhandelt – auch nicht über Syrien. "Deshalb wird es in absehbarer Zeit keine politische Lösung geben", glaubt Kristin Helberg. Aber bereits davor sei eine politische Lösung unwahrscheinlich gewesen.

Das Assad-Regime hält sich an der Macht

Im Moment kann das Assad-Regime also weiterhin herrschen. Das Land erhält Hilfsgelder von den Vereinten Nationen, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Aber auch das Regime profitiert von der Unterstützung.

"Das Assad-Regime lebt von den UN-Hilfsgeldern."
Kristin Helberg, freie Journalistin und Nahostexpertin

Zugleich mache Syrien reichlich Geld mit dem internationalen Verkauf des Aufputschmittels Captagon. "Syrien ist der größte weltweite Produzent und Händler dieser Droge", sagt Kristin Helberg.

Der Nachbar Türkei

Besonders akut sei die Lage jedoch im Norden Syriens. "Weil die Türkei dort angekündigt hat, eine vierte Militär-Intervention zu starten", so die Journalistin. Diese Intervention könnte jeden Moment losgehen. Der Ukraine-Krieg spiele dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan dabei in die Hände. Er fühle sich gerade sehr mächtig.

Denn die Türkei muss dem NATO-Beitritt von Schweden und Finnland zustimmen, die sich zuletzt für eine Mitgliedschaft entschieden hatten. Eben als Reaktion auf Russlands Angriffskrieg.

Die Türkei will in Nord-Syrien einmarschieren

Im Zuge einer Militär-Intervention will die Türkei auch eine Million aus Syrien Geflüchtete in den Norden des Landes zurückschicken. Das bedeutet jedoch, dass im Norden Syriens andere Menschen vertrieben werden – vor allem Kurdinnen und Kurden. Das verändere die Zusammensetzung Bevölkerung in der Region massiv. "Das bringt noch mehr gesellschaftliche Spaltung und noch mehr Hass und Misstrauen auch innerhalb der syrischen Gesellschaft", sagt die Nahostexpertin.

Welche Lösungen sind in Sicht?

Aktuell müsse man akzeptieren, dass Syrien zurzeit ein geteiltes Land mit vier Gebieten ist, so Kristin Helberg. Und es brauche für jedes Gebiet eine Lösung, um überhaupt den Alltag der Menschen erträglicher zu machen.

Dazu gehört, dass in den Gebieten unter Einfluss von Assad die UN-Hilfen bei jenen Menschen ankommen, die sie brauchen. Nach humanitären Kriterien. "Und nicht nach Kriterien, die das Regime festlegt."

"Es braucht international mehr Mut."
Kristin Helberg, freie Journalistin und Nahostexpertin

Im Nordosten Syriens gibt es ein kurdisches Autonomie-Gebiet. Auch dort braucht es Hilfe. Aber genauso könnte die internationale Gemeinschaft anfangen, auch in die lokale Infrastruktur zu investieren, sagt Kristin Helberg. Eben damit die Menschen auch unabhängig von Hilfe aus dem Ausland werden.

Kristin Helberg, Journalistin und Syrien-Expertin – fotografiert im Januar 2020
© imago images | teutopress
Die freie Journalistin Kristin Helberg fordert von der internationalen Gemeinschaft, dass sie Mut aufbringen soll, um endlich den Krieg in Syrien zu beenden.

Auch im Nordwesten bleibt mit Idlib eine große Herausforderung. "Die Provinz wird immer noch von extremistischen Gruppen kontrolliert – von Assad-Gegnern", so Kristin Helberg. Hier brauche es Strukturen, um den Menschen helfen zu können, die von der internationalen Gemeinschaft durchgesetzt werden müssten. Es brauche Gespräche und klare Bedingungen. Die internationale Gemeinschaft müsse eine gemeinsame Position finden, um diese dann auch durchsetzen, sagt die Journalistin.

  • Moderatorin:  Steffi Orbach
  • Gesprächspartnerin:  Kristin Helberg, freie Journalistin und Nahostexpertin