Der sogenannte "Islamische Staat" gilt militärisch als besiegt. Doch in den Köpfen lebt die Ideologie fort - etwa im syrisch-irakischen Grenzgebiet: Dort leben ehemalige IS-Anhänger in Lagern und radikalisieren sich. Unter ihnen auch Deutsche, wie eine Recherche des ARD-Magazins "Report München" zeigt.

Ahmet Senyurt ist Journalist. Mit einem Kamerateam war er im syrisch-irakischen Grenzgebiet unterwegs. Einen Tag hat er im Flüchtlingscamp "Al-Haul" verbracht: Mehr als 72.000 Menschen sind dort untergebracht, unter ihnen auch Frauen und Kinder, darunter rund 300 Deutsche. Die humanitäre Lage in dem Lager sei prekär, so Ahmet Senyurt. Lebensmittel und Medikamente fehlen, sagt er. Doch ein weiteres Problem im Lager sei, dass sich an verschiedenen Stellen IS-Sympathisanten festgesetzt hätten und die Situation dort beherrschen.

"Sie hissen die Flagge des IS, und keiner der Soldaten im Lager kann die runter reißen, weil sie einfach Angst haben, dort hinzugehen."
Ahmet Senyurt, Journalist

Wenn Frauen im Lager ihr Kopftuch ablegen oder sich von der IS-Ideologie distanzieren, werde dagegen gewaltsam vorgegangen. "Dadurch setzt sich die Ideologie des IS fest und wird weitergelebt", sagt Ahmet Senyurt. Es gebe außerdem Unterstützung aus dem Ausland für die IS-Kräfte im Lager - auch aus Deutschland.

"Man braucht Deradikalisierungsprogramme, wie wir sie in Deutschland kennen, damit man die Menschen auch im Kopf wieder dazu bringt, Alternativen anzunehmen."
Ahmet Senyurt, Journalist

Die Lagerverwaltung meint, die Menschen im Camp seien eine tickende Zeitbombe. Aus diesem Grund brauche man nicht nur humanitäre Hilfe dort, sagt Ahmet Senyurt, sondern auch Deradikalisierungsprogramme, um die Menschen weg von der radikalen IS-Ideologie zu bringen. In Syrien selbst gebe es immer noch einzelne IS-Zellen, die Bombenattentate verübten, so der Journalist: "Der IS ist in Syrien tatsächlich immer noch in kleinem Rahmen unterwegs - die Zellen sind da."

"Für mich gibt es nur eine Möglichkeit, und zwar, die deutschen Staatsbürger zurückholen, speziell auch die Kinder."
Ahmet Senyurt, Journalist

Noch ist nicht klar, ob Deutschland die ehemaligen IS-Kämpfer und ihre Familien zurücknehmen wird, darüber gibt es schon länger Diskussionen. Für Ahmet Senyurt gibt es nur eine Lösung: "Die deutschen Staatsbürger zurückholen", sagt er. Gerade die Kinder würden dort in einem Umfeld aufwachsen, das den Westen als Feindbild stilisiert. Deutschland habe die Verantwortung für diese Menschen, meint er.