Das Internet vergisst nichts! Dieser angsteinflösende Spruch ist allerdings nur ein Mythos. Immer häufiger zeigt sich: Auch das Internet kann von jetzt auf gleich riesige Datenberge vergessen.

Vor kurzem hat Whatsapp seine Datenschutzbedingungen geändert. Hätte der Konzern tatsächlich alle Nutzerinnen und Nutzer, die die neuen Bedingungen nicht akzeptieren wollten, von der Plattform geschmissen, dann wären unzählige Chatverläufe einfach so weg gewesen – einfach so vergessen.

Das Internet kann also doch vergessen.

Tragisch ist das, wenn dadurch eine ganze Sammlung an Playlisten, Inspirationen oder Erinnerungen verloren geht. Für andere kann ein vergessener Post oder Bericht allerdings auch ein Glücksfall sein.

Verschwinden Plattformen, verschwinden Erinnerungen

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Martina Schulte hat es am eigenen Leib erfahren müssen: Als der Google Reader eingestellt wurde, hat sie ihr komplettes persönliches Internetarchiv verloren. Artikel, Blogs, Sammlungen zu bestimmten Themen – alles war weg.

Wenn Server gecrasht oder gehackt werden oder wenn ganze Dienste oder Plattformen eingestellt werden, dann gehen viele Erinnerungen wie Fotos oder Videos von Nutzerinnen und Nutzern einfach verloren. So zum Beispiel beim Einstellen von Myspace oder StudiVZ.

Den Entscheidungen der Plattform-Betreiber ausgeliefert

Ähnlich erging es Martina Anfang dieses Jahres als plötzlich alle ihre "liebevoll kuratierten" K-Pop-Playlisten verschwanden. Spotify expandierte zu diesem Zeitpunkt nach Korea und handelte mit einem koreanischen Label neue Rechte aus. Hunderte K-Pop-Songs waren danach verschwunden.

"Anfang des Jahres verschwand ein Großteil meiner liebevoll kuratierten Spotify-K-Pop-Play-Listen."
Martina Schulte, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Das war nicht der erste Fall. Wegen Lizenzstreitigkeiten waren auch schon Lieder von Jay-Z oder Taylor Swift nicht mehr auf Spotify zu hören. Wir sind also häufig auch den großen Plattformen und ihren Entscheidungen ausgeliefert – nehmen diese Accounts oder Musiktitel offline, sind sie für uns nicht mehr auffindbar im Netz.

"Wir sind da den absurden Entscheidungen der Plattformen ausgeliefert. Wenn ein Algorithmus aus irgend einem obskuren Grund deinen Account sperrt, bist du machtlos."
Martina Schulte, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Das sei vor allem für die Generation-Z und die Millenials eine schmerzhafte Erfahrung, da sie sich zum Teil viel stärker über ihr Leben im Internet als über ihr Leben offline identifizieren, sagt Martina.

Keine Hilfe beim Passwort vergessen

Erinnerungshilfe bei Passwortverlust kann das Internet manchmal ebenfalls nicht geben. So gibt es viele Beispiele von Personen, die ihren Zugang zu ihren gekauften Kryptowährungen verloren haben und ihr Geld damit einfach weg ist. So beispielsweise der Programmierer Stefan Thomas, der damit nicht mehr an 200 Millionen Euro in Kryptowährung herankommen kann.

Vergessen machen als Kalkül

Am häufigsten vergisst das Internet allerdings durch die geschätzten 44 Zettabyte an Daten, die pro Tag neu dazukommen. 44 Zettabyte – das ist eine eins mit 21 Nullen. Durch all diese neuen Daten rutschen ältere Einträge nach hinten, da Suchmaschinen gerne das Neuere bevorzugen. Das machen sich dann häufig Reputation Cleaner zu nutze.

"Suchmaschinen sind Neuigkeitsjunkies und bevorzugen immer das Aktuellste."
Martina Schulte, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Diese bringen das Internet gezielt dazu, bestimmte Dinge zu vergessen, indem sie sie unter einer Flut von neuen Nachrichten begraben. Damit versuchen sie beispielsweise schlechte Bewertungen von Hotels oder Restaurants, Faux-Pas von Prominenten oder peinliche Partyfotos verschwinden zu lassen. In dem Fall kann es also durchaus ganz hilfreich sein, wenn sich das Internet auch mal nicht an alles erinnert.