Die Herstellung von Kunstdünger benötigt viel Energie. Der Dünger ist deshalb knapp und teuer. Es gibt aber Alternativen, die gleich mehrfach nützlich sind.

Eines der größten europäischen Düngemittelwerke ist das SKW Stickstoffwerk Piesteritz bei Wittenberg. Ab Oktober droht das Werk wegen der hohen Gaskosten mit einem Betriebsstopp. Auch Yara, der größte Stickstoffdünger-Konzern in Europa mit Standorten in Norwegen, Deutschland und anderen Ländern, lastet seine Anlagen nur noch zu 35 Prozent aus. Die Folge: Es wird weniger Stickstoff-Kunstdünger hergestellt als sonst.

"Es wird gerade viel weniger Stickstoff-Kunstdünger in Europa hergestellt als sonst."
Anne Preger, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Dass der Welt der Stickstoffdünger komplett ausgeht, ist aber eher unwahrscheinlich, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Anne Preger: Ammoniak und Stickstoffdünger werden auch anderswo hergestellt, wo Erdgas gerade noch günstiger ist. Trotzdem: Die Preise auf dem Weltmarkt werden voraussichtlich weiter steigen. Die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen empfiehlt den Betrieben deshalb, den Dünger für 2023 möglichst schon jetzt einzukaufen – wenn das nicht sowieso schon längst geschehen ist.

Erdgas: Energie- und Wasserstofflieferant

Die Hersteller von Stickstoffdünger sind auf Erdgas doppelt angewiesen:

  1. Das Gas liefert die Energie für die Herstellungsprozesse, und zwar für die enorm energieintensive Herstellung von Ammoniak. Laut Internationaler Energieagentur frisst die Ammoniakherstellung rund zwei Prozent des weltweiten Energieverbrauchs.
  2. Das Gas liefert eine wichtige Zutat für die Ammoniakgewinnung: Wasserstoff. Wasserstoff plus Luftstickstoff wird zu Ammoniak. Aus diesem entsteht dann in verschiedenen Verfahren der fertige Kunstdünger, meistens in Form von Körnchen zum Streuen.

Die Sorge, dass der Dünger so knapp werden könnte, dass wir hier in Europa nicht mehr genug Lebensmittel produzieren können, ist momentan unbegründet, sagt Anne Preger.

Meist noch genug Stickstoff in den Böden

Viele Ackerböden enthalten von früheren Düngungen noch ausreichend Stickstoff. Außerdem gibt es auch noch Gülle und andere Optionen, wie man Pflanzen ohne Kunstdünger versorgen kann. Und selbst wenn Betriebe ihre Felder ein Jahr lang deutlich weniger düngen, müssen die Ernten deswegen nicht gleich dramatisch kleiner ausfallen.

Nur falls es – rein hypothetisch – langfristig, also auch für 2024 und 2025, kaum Kunstdünger gäbe, könnte die Lage kritischer werden.

Gülle allein kann das Problem nicht lösen

Die Landwirtschaft braucht künstlich hergestellten Dünger. Nur mit natürlicher Gülle lässt sich das Problem – weltweit betrachtet – nicht lösen, sagt Anne Preger. Schätzungen zufolge wird inzwischen rund die Hälfte der Weltbevölkerung mithilfe von Stickstoff-Kunstdünger ernährt.

"Schätzungen zufolge wird inzwischen rund die Hälfte der Weltbevölkerung mithilfe von Stickstoff-Kunstdünger ernährt."
Anne Preger, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Und: Ohne Kunstdünger hätten wir auch gar nicht so viel Gülle – weil wir nämlich gar nicht so viele Nutztiere satt bekommen würden. Ein großer Teil unseres Viehs wird nämlich mit Gras, Getreide und anderen Pflanzen gefüttert, die zum Teil mit Kunstdünger gedüngt wurden.

In Deutschland kann Gülle regional kurzfristig schon einen Teil des Bedarfs decken – aktuell ist sie als Düngemittel auch ziemlich gefragt. Allerdings lässt sie sich nicht so flexibel einsetzen wie Kunstdünger.

Lebensmittelproduktion mit weniger Stickstoffdünger

Stickstoffdünger ist also wichtig. Trotzdem gibt es zahlreiche Optionen, auch mit weniger davon genügend Lebensmittel herzustellen, fasst Anne Preger zusammen:

  • Zielgerichteter Düngen. Im Schnitt landet weltweit nur die Hälfte des Düngers tatsächlich auch in den gedüngten Pflanzen. Der Rest bleibt in der Umwelt und richtet dort Schäden an, etwa indem das Grundwasser belastet wird.
  • Weniger Nutztiere halten und stattdessen Anbauflächen und Dünger nutzen, um damit Lebensmittel zu produzieren, die Menschen direkt essen. Genau das empfiehlt zum Beispiel gerade eine Gruppe von Forschenden unter anderem vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. Wer sich vegetarisch oder vegan ernährt, hilft beim Sparen von Stickstoffdünger.
  • Auf Naturkräfte setzen. Pflanzen wie Bohnen, Linsen, Erbsen oder Klee zapfen einfach den Stickstoffvorrat in der Luft an und machen den zu Dünger. So kriegen sowohl die Pflanzen als auch der Boden Stickstoff geliefert - eine erprobte Art der Düngung unter anderem im Ökolandbau.
  • Menschlicher Urin. In diesem sind ziemlich viel Stickstoff und andere wichtige Pflanzennährstoffe enthalten. Unter anderem die Vereinten Nationen regen dazu an, verdünnten Urin als Dünger zu nutzen. Offenbar lässt er sich so behandeln, dass Keime und auch Medikamentenreste zersetzt werden.