Was soll ich anziehen, was soll ich essen, soll ich mich auf die Stelle bewerben? Vegan oder mit Fleisch? Turnschuhe oder High Heels, Hemd oder Pulli? Jeden Tag fällen wir zahlreiche Entscheidungen. Manchmal sollten wir dabei einfach auf unser Bauchgefühl vertrauen.

Grundsätzlich fallen manchen Leuten Entscheidungen leichter als anderen. Sie vertrauen einfach ihrer ersten Intuition – dem Bauchgefühl. Ob man so das gewünschte Ziel erreicht, damit haben sich Wissenschaftler*innen aus Polen beschäftigt. Das Forschungsteam hat in mehreren kleinen Experimenten herausgefunden, dass Menschen, die schnell entscheiden, nicht unbedingt die bessere Wahl treffen.

Allerdings besitzen Schnellentscheider*innen den Forschungsergebnissen zufolge größeres Selbstvertrauen und glauben rückblickend eher, dass ihre Entscheidung richtig war. Deutschlandfunk-Nova-Reporter Martin Krinner wendet die Ergebnisse der Untersuchungen auf Alltagsentscheidungen an.

Er stellt fest, dass wir Entscheidungen trotz guter Vergleichsmöglichkeiten oft Tage aufschieben. Als Beispiel nimmt er den Kauf eines neuen Handys: Selbst tagelanges Abwägen führe nicht unbedingt zu einer Entscheidung.

"Selbst ein Mensch, der es ganz rational angeht und Vor- und Nachteile eines Handy-Neukaufs abwägt, kommt möglicherweise nach einigen Tagen nicht zu einer Entscheidung."
Martin Krinner, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Dazu sagt Neurowissenschaftler Henning Beck: "Wenn man sich vorher intensiv mit einem Problem beschäftigt hat, kennt man möglicherweise alles dazu. Man hat sich eingearbeitet." Wenn wir uns am Ende immer noch nicht entscheiden könnten, dann sollten wir einfach eine Karte ziehen oder eine Münze werfen.

Beck meint also, dass wir auch mal den Zufall für uns entscheiden lassen sollten. Denn häufig hätten wir bereits eine Ahnung, welche Seite der Münze nach der Landung oben liegt. Der Neurowissenschaftler erklärt, das liegt daran, dass wir eine Entscheidung in vielen Fällen bereits getroffen haben. In diesen Fällen müssten wir die Entscheidung nur bewusst zulassen.

Doch im Leben treffen wir fast jeden Tag tiefgreifende Entscheidungen. Es geht um zum Beispiel um unsere berufliche Zukunft oder die Wahl einer Ausbildung, eines Studiums. Sollten wir hier auch auf das Bauchgefühl vertrauen?

Risikobereitschaft hält Gesellschaft am Laufen

Die Frage lässt sich nicht so einfach beantworten, erklärt Ralph Hertwig vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Denn es hat auch mit unserer Risikobereitschaft zu tun – und die ist bei jedem Menschen anders. Der Psychologe sagt, dass es eine gewisse Risikobereitschaft in der Gesellschaft braucht, damit sie nicht stillsteht. Ohne Menschen, die bereit sind, Risiken einzugehen, würde eine Gesellschaft stagnieren.

"Ohne Risikobereitschaft würden Leute nie ins Ausland gehen und sagen, dass sie dort neue Erfahrungen sammeln. Auch die Entscheidung über eine Universitätsausbildung benötigt eine gewisse Risikobereitschaft."
Ralph Hertwig, Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Noch einmal zurück zu den Forschungsergebnissen aus Warschau: Demnach könne eine Neigung zum Bauchgefühl dabei helfen, die großen Lebensziele besser zu verfolgen, ist die Meinung der polnischen Forschenden. "Mit der entsprechenden Einstellung ist die Gefahr kleiner, an Rückschlägen zu verzweifeln", ergänzt Reporter Martin Krinner.

Entscheidungen ohne Bauchgefühl gibt es nicht

Forscher Tobias Maldei von der Uni Trier ist der Meinung, dass Menschen gar nicht ohne ihr Bauchgefühl entscheiden können. Seiner Ansicht nach, ist es wahrscheinlich, dass jede Entscheidung irgendwie emotional gefärbt ist – egal, wie rational wir sie angehen. "Unsere Gefühle beeinflussen uns, und es werden zum Beispiel Erinnerungen mit rational analytischen Entscheidungen verknüpft. Ganz analytisch können wir also gar nicht denken", sagt er.

Vor allem in Situationen, in denen wir für unsere Entscheidungen viele Erfahrungen gleichzeitig zu berücksichtigen müssen, könne es sein, dass uns Aspekte entgehen. "Zum Beispiel kann es sein, dass ich einige Aspekte noch gar nicht weiß. Dann macht es Sinn, sich anzuhören, was der Bauch sagt", fasst Forscher Tobias Maldei seine Beobachtung zusammen.