Manchmal sind wir eigentlich schon voll – essen aber trotzdem weiter. Forscher haben jetzt die These aufgestellt, dass wir unterschiedliche Appetite haben, um so unseren Bedarf an Proteinen und Co aufzufüllen. Solange wir noch nicht genug davon haben, essen wir eben weiter.

Appetit ist nicht gleich Appetit. Diese These haben zwei Forscher aus Sidney in ihrem Buch "Eat like animals" und im Fachmagazin New Scientist veröffentlicht. Nach vielen Experimenten gehen sie davon aus, dass Tiere und Menschen bis zu fünf unterschiedliche Appetite haben:

  1. Appetit auf Protein
  2. Appetit auf Fett
  3. Appetit auf Kohlenhydrate
  4. Appetit auf Calcium
  5. Appetit auf Natrium

Bei Proteinen, Fetten und Kohlenhydrate habe man jeweils Appetit auf umami, also auf etwas Herzhaftes, Proteinreiches und Fettes sowie auf etwas Süßes. Wer Appetit auf Calcium hat, bevorzuge Milchprodukte und bei Appetit auf Natrium habe man Lust auf etwas Salziges, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Sophie Stigler. Der Appetit auf Proteine sei dabei am ausgeprägtesten.

Die Forschenden versuchen sich mit dieser Theorie zu erklären, warum viele Menschen zu viel essen und so stark zunehmen.

Experimente mit Heuschrecken

Auf die Idee mit den unterschiedlichen Appetiten wurden die Forscher durch ein Experiment mit Heuschrecken gebracht. Ihnen hatten sie unterschiedliches Futter gegeben, das jeweils mehr Proteine oder Kohlenhydrate enthielt. Dabei konnten sie feststellen, dass die Heuschrecken immer so fraßen, dass sie am Ende die benötigte Menge an Proteinen bekamen. Enthielt ihr Futter zu wenig davon, fraßen sie solange, bis sie die bestimmte Proteinmenge erreicht hatten. Dabei konnte es passieren, dass die Heuschrecken zu viele Kohlenhydrate fraßen und dadurch fett wurden.

Daraus entstand die Hypothese: Heuschrecken haben zwei Sorten von Appetit, einen für Proteine und einen für Kohlenhydrate. Sie schlussfolgerten, dass die Appetite sicherstellen, dass die Tiere das fressen, was sie brauchen. Auch, wenn sie die freie Auswahl hätten, würden sie sich demnach für die benötigten Mengen entscheiden.

Gleicher Appetit bei Mensch und Tier

Gleiche Experimente führten die Forscher mit Schleimpilzen, Kakerlaken, Katzen, Affen und auch Menschen durch. Hatten die Menschen beispielsweise bei einem großen Buffet die Auswahl, stellten sie ihr Essen so zusammen, dass der Proteinanteil bei circa 18 Prozent lag. Dies entspreche auch grob dem Ideal, erklärt Sophie Stigler.

"Wenn die Menschen ihr Essen frei aus einem großem Buffet wählen konnten, lag der Protein-Anteil an Gesamtkalorien bei circa 18 Prozent – das ist grob das Ideal."
Sophie Stigler, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Bekamen die Menschen jedoch ein Essen mit einem niedrigen Proteinanteil, aßen sie so lange und so viel mehr, bis sie auf die gleiche Menge an Proteinen kamen.

Fast Food trickst uns aus

Für die Forscher kann diese These auch erklären, warum viele Menschen übergewichtig sind. Denn tendenziell sei unser Essen in den letzten Jahren proteinärmer geworden. Für die gleiche Proteinzufuhr bräuchten wir also eine größere Menge an Nahrung.

"Tendenziell ist unser Essen in den letzten Jahrzehnten proteinärmer geworden. Für gleiche Proteinzufuhr muss man mehr essen, also eine größere Menge Nahrung."
Sophie Stigler, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Hinzu kommt, dass uns Fertigessen und Snacks wie Chips oder Nudeln oft austricksen. Diese schmecken nämlich oft nach umami, worauf unser Proteinappetit anspringt – in Wirklichkeit enthalten diese Nahrungsmittel aber nur sehr wenig Proteine.

Den benötigten Proteingehalt ausrechnen

Die Forscher raten uns deshalb, unseren persönlichen, täglichen Proteinbedarf auszurechnen. Der hängt beispielsweise von unserem Alter und der Größe ab, aber auch davon, wie viel Sport wir treiben. Diesen Anteil sollten wir uns dann ganz gezielt von Fisch, Fleisch, Eiern, Milchprodukten, Hülsenfrüchten oder Nüssen holen.

Die Theorie der Forscher sei laut Sophie Stigler "stark vereinfacht", denn oft essen wir ja auch unbegründet zu viel Süßes, was die Theorie der fünf Appetite nicht klären könne. Aber es sei ein interessanter Ansatz, um vielleicht ein Puzzle-Teil für das große Rätsel, warum wir uns manchmal so falsch ernähren, zu liefern.