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Seit fast eineinhalb Monaten stecken 32 Afghaninnen und Afghanen an der Grenze zwischen Polen und Belarus fest. Die polnische Seite lässt sie nicht ins Land, zurück nach Belarus geht es auch nicht. Die polnische Regierung wirft Belarus vor, gezielt Migrantinnen und Migranten an die EU-Außengrenzen zu bringen und hat an der Grenze nun den Ausnahmezustand verhängt, das heißt: selbst Hilfsorganisationen dürfen nicht mehr in das Gebiet, um den 32 Menschen zu helfen. Bamdad Esmaili ist Journalist bei WDR4You und konnte mit einem der Afghanen, die dort festsitzen, sprechen.

"Sie haben einen menschlichen Schutzzaun um sie gebaut: Vor ihnen stehen polnische Soldaten, die verhindern, dass die nach Polen reinkommen. Hinter ihnen stehen die belarussischen Grenzbeamten, die nicht zulassen, dass die Gruppe zurückkehrt", sagt Reporter Bamdad Esmaili, der mit dem Geflüchteten Abdul Hassib telefonieren konnte. Persönliche Kontakte zu Journalistinnen oder Journalisten sind derzeit nicht möglich, denn das Gebiet ist gesperrt.

"Wir verlieren die Hoffnung. Bitte lassen Sie uns in ein anderes Land gehen. Wir haben kein Brot, kein Wasser. Wir haben nichts, wir werden sonst sterben."
Abdul Hassib, Geflüchteter aus Afghanistan an der polnisch-belarussischen Grenze

Der geflüchtete Abdul hat unserem Reporter erzählt, dass sie in diesem eingezäunten Gebiet hungern und Durst haben. Wenn die Politiker*innen nichts unternähmen, würden die Menschen bald sterben. "Sie haben sechs Zelte bekommen, und in den ersten Tagen haben sie einige Lebensmittel aus Polen bekommen. Das hat aber nicht für die 32 Leute gereicht," sagt Bamdad Esmaili. Auf belarussischer Seite sei Hilfe von der UN gekommen – Kekse, Rindfleisch, Wasser, Toilettenpapier. Der geflüchtete Afghane hat Bamdad erzählt, dass sie einmal pro Tag eine 500 Gramm-Packung Weizen für 32 Personen bekommen: "Das kochen sie dann mit Wasser – ohne Salz – und essen es zusammen."

Belarus reagiert auf EU-Sanktionen

Die 27 Männer, fünf Frauen – die jüngste sei 15 – kommen alle aus Afghanistan und sind während der Unruhen aufgebrochen. Alle kommen aus unterschiedlichen Orten und haben zwischen 6.000 und 8.000 Euro pro Person an Schlepper bezahlt. Mithilfe von Schleppern haben sie es in das Grenzgebiet zwischen Belarus und Polen geschafft. Abdul Hassib hat unserem Reporter erzählt, dass die Gruppe sogar bereits auf polnischem Gebiet gewesen ist, dann jedoch zurückgebracht wurde. "Sie haben von der UN Formulare bekommen, haben einen Asylantrag gestellt und warten nun – unter ganz schlimm unmenschlichen Bedingungen – dass es irgendwie für sie weitergeht", sagt unser Reporter.

"Abdul Hasib hat mir erzählt, dass sie etwa 10, 20 Kilometer im polnischen Gebiet waren und dann zurückgebracht worden sind. "
Bamdad Esmaili, Journalist

Dass sich die Geflüchteten in einem solchen Kessel befinden, liegt politischen Interessen zugrunde. Das Ganze hatte Ende Mai seinen Anfang genommen, als der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko angekündigte, Migranten nicht mehr an der Weiterreise in die EU zu hindern – als Reaktion auf verschärfte EU-Sanktionen gegen Belarus. Von Polen kommt der Vorwurf, dass Lukaschenko die Leute gezielt an die EU-Außengrenze bringt.

"Lukaschenko lässt anscheinend Menschen aus Afghanistan oder auch aus dem Irak ohne Visa einreisen. Innerhalb von sieben Tagen müssen sie dann aber weiter", so Bamdad. Er berichtet, dass viele Geflüchtete an der Grenze warten, wobei es keine genauen Zahlen gebe. Kollegen aus Polen berichten, dass das Land gerade einen 180 Kilometer langen Schutzzaun baut, außerdem seien 2.000 Soldaten an die Grenze geschickt worden sein, um die Einreise zu verhindern.

"Ich würde sagen, Flüchtlinge werden zum Spielball für politische Interessen."
Bamdad Esmaili, Journalist

Unser Reporter Bamdad Esmaili war mit Abdul Hassib per Handy in Kontakt. Allerdings war das Telefon oft ausgeschaltet, weil er keinen Strom hat zum Laden hat. "Seit zwei Tagen habe ich nichts mehr von ihm gehört. Das heißt, ich weiß nicht mal, ob die überhaupt noch da sind oder ob sie weggebracht wurden", sagt er.