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Brennende EU-Flaggen, Brexit und offen euroskeptische Regierungen in Ungarn und Polen – um die Europäische Union steht es nicht gut. Seit wann die Bürgerinnen und Bürger der EU so skeptisch gegenüberstehen und wie sich diese Haltung verändert hat, erzählt der Historiker Kiran Patel in seinem Vortrag.

EU-skeptische Parteien machen mittlerweile ein Fünftel der Abgeordneten im EU-Parlament aus. In allen Mitgliedsstaaten gibt es – zumeist rechte – Parteien, die keinen Bock mehr auf die EU haben. Nicht erst seit dem Brexit kann man also sagen: Die EU hat ein Beliebtheitsproblem.

Tief verankerte Krise

EU-Skepsis ist jedoch kein neues Phänomen, sagt Kiran Patel. Er ist Professor für Europäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Mit seinem Vortrag blickt der Historiker nicht nur in die Vergangenheit, sondern ermöglicht auch eine neue Perspektive auf die europäische Gegenwart. Denn der Blick in die Geschichte zeigt, wie tief die Krise der EU historisch bereits verankert ist.

"Europa war der Begriff vieler, die damit etwas ganz anderes meinten, als die Europäische Union gerne wäre und in vielerlei Hinsicht auch ist."
Kiran Patel, Historiker

Die Europäische Gemeinschaft war lange ein Projekt der Eliten und die Zustimmung zur Europäischen Einigung war zwar weit verbreitet, aber nicht tief verwurzelt, so der Historiker. Das Verhältnis der Menschen zu Europa sei lange vor allem ein Nicht-Verhältnis gewesen. "Europa war den meisten Menschen ziemlich schnurzpiepe," sagt Kiran Patel.

Koloniale und imperiale Bestrebungen anfangs Teil der Kooperation

Bis ins 20. Jahrhundert hinein mobilisierte Europa – als Wille, als Vorstellung – keine Massen, erklärt der Historiker. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Option Europa umstritten geblieben. Nicht zuletzt auch, weil imperiale und koloniale Bestrebungen anfangs Teil der europäischen Kooperation gewesen seien.

"Das Verhältnis der Bürgerinnen und Bürger zur Europäischen Einigung war schon seit den 1950er Jahren zunehmend brüchig."
Kiran Patel, Historiker

In den Umfragen zur Europäischen Einigung waren die Zustimmungswerte in den 1960er und 1970er Jahren sehr hoch. Doch seien die Fragen sehr allgemein gewesen, sagt Kiran Patel. Auch das Wissen der Bürgerinnen und Bürger über die Europäische Gemeinschaft sei sehr gering gewesen.

Umfrageergebnisse politisch genutzt

Hinzu komme, dass die Umfragen, das sogenannte Euro-Barometer, von der EU-Kommission in Auftrag gegeben wurden. Die Ergebnisse habe die Kommission dann politisch genutzt, um die Einigung voranzutreiben, erklärt der Historiker.

"Die Zustimmung zur Europäischen Union ruht auf einem deutlich fragileren Fundament, als man eigentlich angenommen hat."
Kiran Patel, Historiker

Heute sind die Kritiker und die Befürworterinnen lauter, aber die EU erreicht heute auch stärker die Lebenswelt der Bürgerinnen und Bürger, sagt Kiran Patel. Wir beobachten eine Politisierung der Europäischen Einigung: Auf dem Maidan wurden Eurofahnen geschwenkt, während in Griechenland während der Finanzkrise Europaflaggen brannten.

Der Vortrag

Der Vortrag von Kiran Patel heißt "Die lange (vergessene) Geschichte der Euroskepsis seit den 1950er Jahren". Und er hat ihn am 24. September im Rahmen der Reihe "Havarie Europa. Zur Pathogenese europäischer Gegenwarten" am Hamburger Institut für Sozialforschung gehalten.