Viele von uns haben sich an die Impfung geklammert – danach sollte alles besser werden. Doch Experten sagen: Selbst wenn über 85 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, werden wir noch nicht ganz zum Alltag wie wir ihn vor der Pandemie gekannt haben zurückkehren können.

Die Studentin Coraline aus Köln ist vollständig geimpft. Irgendwie hatte sie gehofft, dass dadurch alles wieder ein wenig normaler werden würde. Doch seit der Ausbreitung der Delta-Variante, die sich auch leichter unter Geimpften verbreiten kann als andere Virus-Mutationen, schwindet die Hoffnung darauf wieder.

Coraline, Studentin aus Köln
"Jetzt ist es nicht mehr so, dass die Impfung das ultimative 'Jetzt hab ich es geschafft'-Gefühl ist. Es fühlt sich eher an wie eine Schutzmaßnahme, die ich gerade treffe. Aber es fühlt sich nicht an als würde mein Leben werden wie vorher."

Wie wird es also in den kommenden Monaten oder Jahren weitergehen? Das fragt sich nicht nur Coraline, sondern auch Forschende, Politikerinnen und Politiker versuchen das herauszufinden.

Ein weiterer Lockdown scheint erstmal keine Option zu sein

Eines ist klar: Anstatt wieder alles zu schließen, ist die Strategie auf testen und impfen ausgerichtet, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Julia Polke.

"Die Strategie ist nicht mehr: Schließen, schließen, schließen, sondern testen, impfen, infizieren."
Julia Polke, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Infizieren – das gilt vor allem für diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen. Denn wer sich nicht impfen lässt, entscheidet sich unweigerlich für eine Infektion, meint Julia.

Auch Geimpfte werden sich infizieren – nur ohne schwere Verläufe

Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, erklärt das anhand eines Rechenbeispiels: Eine Person könne sechs bis sieben Menschen anstecken. Um auf einen R-Wert von eins oder unter eins zu kommen, müssten sechs von sieben Menschen geimpft sein – also 85 Prozent. Nur so könne es keine weitere Krankheitswelle geben.

Davon sind wir allerdings noch weit entfernt. Und damit wäre es auch nicht getan: Auch die Impfungen würden es dauerhaft nicht schaffen, dass sich von sieben Personen sechs Personen nicht mehr infizieren, sagt Carsten Watzl. Also müssten sich auch Geimpfte infizieren, mit dem Unterschied, dass sie nur in den seltensten Fällen einen schweren Verlauf hätten, fasst Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Julia Polke zusammen.

"Es werden sich immer Menschen infizieren. Auch Geimpfte, aber die werden nur ganz selten schwer krank."
Julia Polke, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Wenn sich also immer Menschen mit dem Coronavirus infizieren werden, muss irgendwann der Punkt kommen, an dem sich auch die Politik wieder für Normalität entscheiden muss.

Wann entscheiden wir uns wieder für mehr Normalität?

Hierbei geht es auch um die Frage, wie lange man beispielsweise noch versuchen möchte, Menschen, die sich nicht impfen lassen, zu überzeugen, schreibt uns die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in einer Mail. Sie berät die Bundesregierung während der Corona-Pandemie.

"Was wollen wir als Gesellschaft? Wieviel Tod und Krankheit wollen wir akzeptieren? Wie lange wollen wir versuchen, die Menschen, die bislang nicht geimpft sind – es aber sein könnten –, zu überzeugen?"
Melanie Brinkmann, Virologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Der übernächste Winter wird entspannter

Für die nahe Zukunft heißt es: Im Winter werden die Zahlen steigen, im Sommer werden sie saisonbedingt zurückgehen, sagt Carsten Watzl. Er halte es für ausgeschlossen, dass wir nur durch Impfungen den R-Wert unter eins bringen und halten können.

"Ich gehe davon aus, dass wir jeden Winter wieder ansteigende Zahlen haben werden und im Sommer halt durch den saisonalen Effekt das Ganze wieder zurückgeht."
Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie

Aber: Herbst und Winter des kommenden Jahres werden laut Carsten Watzl schon deutlich normaler sein als der Herbst und Winter in diesem Jahr. Was allerdings bleiben wird sind Maßnahmen wie Masken in geschlossenen Räumen, regelmäßige Impfungen oder auch mal eine Infektion, die - je nachdem, ob man geimpft ist - schwerer oder leichter ausfallen kann.

Das Problem mit den Varianten

Eine unbekannte Variable können allerdings die Varianten des Virus sein. Für die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation ist die Pandemie dann zu Ende, wenn keine Überlastungen der Krankenhäuser mehr zu fürchten sind.

"Die akute Phase der Pandemie ist dann zuende, wenn wir keine Überlastung der Krankenhäuser mehr zu befürchten haben. Das ist jetzt noch nicht ganz leicht absehbar."
Viola Priesemann, Physikerin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation

Dafür bräuchte man nicht nur eine relativ hohe Impfquote, sondern auch einen relativ hohen Schutz vor einem schweren Verlauf. Entwickele sich aber beispielsweise eine neue robuste Variante, dann könnte es sein, dass die Impfstoffe nicht mehr so gut schützen. Dann werde es wieder problematisch für die Krankenhäuser.