In seinem Buch "Chaos Monkeys" beschreibt Antonio García Martínez wie es bei Facebook wirklich läuft. Zwei Jahre hat er als Manager bei Facebook gearbeitet und offenbart nun Interna, die sonst geheim sind.

DRadio Wissen: Antonio García Martínez, von dir stammt das Zitat "Facebook ist legales Crack" - was meinst du damit?

Antonio García Martínez: Weißt Du, ich denke, Facebook funktioniert ähnlich wie eine Droge. Wenn Du Facebook benutzt, dann ist das ein stückweit wie bei einem Drogenabhängigen und seinem Stoff. Sie brauchen ihn, aber sie verabscheuen, was die Droge mit ihnen macht. Und so kommt es, dass viele Nutzer ziemlich zwiegespalten sind, was Facebook angeht. Facebook setzt auf jeden Fall auf den Suchtfaktor: Immer wieder die Nachrichten checken, was macht mein Post? Das hat ganz klar was von Abhängigkeit.

Legt Facebook es darauf an, eine Droge zu sein?

Antonio García Martínez: Nein. Ich denke nicht. Aber in jedem Startup, egal, ob hier in den USA, oder in Deutschland, gibt es ein Team, dass sich um Wachstum kümmert. Das "Growth Team". Nehmen wir ein Beispiel: Wenn du Facebook länger nicht mehr genutzt hast, kriegst du eine Nachricht, in der steht, was auf Facebook passiert ist. Das soll einen zurück zu Facebook ziehen und dafür sorgen, dass du dich wieder einloggst. All das gehört zu den sogenannten "Growth-Tactics". Dabei wird nie einer explizit sagen "Hey, Ja klar, wir machen die User abhängig von uns". Aber es gibt ein ganzes Team, das genau daran arbeitet.

Ok, Facebook produziert die vielleicht beliebteste Droge der Welt mit Millionen Abhängigen, aber wie genau machen sie das? Wie sieht das Innenleben der Maschine aus?

Antonio García Martínez: Während meiner Zeit bei Facebook, also von 2011 bis 2013, waren die Arbeitszeiten der Horror. Das war nichts, wo man so nebenbei ein bisschen arbeitet. Wenn über die Arbeit bei Facebook berichtet wird, dann geht es um kostenloses Essen, den großen Campus - und du denkst: Das klingt entspannt und locker. Aber es gibt auch die andere Seite. Alles ist extrem schnell. Ständig muss was Neues her. Die Erwartungen sind sehr hoch. Du musst dauernd liefern. Ich habe oft 14 bis 16 Stunden am Tag gearbeitet; fünf oder sechs Tage pro Woche. Und das war bei jedem so. Bei Facebook ist es so, dass das berufliche und das private Eins werden. Alle deine Freunde arbeiten bei Facebook, ein großer Teil der Arbeit läuft über Facebook. Und so kommt es, dass du eigentlich niemals aufhörst, zu arbeiten.

Ist Facebook also auch eine Droge für diejenigen, die im Konzern arbeiten?

Antonio García Martínez: Ja! Absolut. Facebook ist wie eine Sekte. Das werden dir alle, die da mal waren, bestätigen. Wobei das nicht als etwas Schlechtes gesehen wird. Jedes erfolgreiche Start-Up ist ein Kult, eine Sekte. Und das würde ich sofort unterschreiben. Also der Persönlichkeits-Kult um Mark Zuckerberg, das Wertesystem, das jeder teilen muss, alles immer nach nur einem Muster. Und so wird das zu einer Art Religion, die dich komplett einnimmt. Und aus der kommst du nicht mehr raus. Wenn du ein Jahr bei Facebook bist, wird nach jedem weiteren Jahr "Faceaversary" gefeiert. Das ist dann eine Art Geburtstag für dein Facebook-Leben. Und tatsächlich bringen dir Leute Blumen an den Schreibtisch, oder Ballons mit der entsprechenden Zahl drauf. Du gehst also komplett in deinem Job auf. Wenn du den dann mal verlässt, dann kriegst du nichts mehr mit von all dem, was jahrelang dein komplettes Leben war. Und es fühlt sich an, als ob dein Leben vorbei wäre; als wärst du im Fegefeuer gelandet.

Du wurdest 2013 gefeuert. Seitdem bist du im "Fegefeuer". Wie war denn der Entzug seitdem?

Antonio García Martínez: Ich hab immer gesagt: Der Mikrochip, den sie in mein Hirn gepflanzt haben, funktioniert immer noch. Ich kann immer noch Sachen posten, nur indem ich es mir vorstelle. Aber was den Entzug angeht: Ich bin immer noch ein "Heavy User". Vor allem wegen meines Buches bin ich gerade ständig auf Facebook unterwegs. Um das Buch zu schreiben war ich aber auf einer kleinen, abgelegenen Insel, nahe der kanadischen Grenze. Da hab ich dann Facebook komplett abgeschaltet und die moderne Welt quasi verlassen. Aber es ist ganz schön schwer. Auch jetzt noch.

Aber es gab ja mal eine Zeit, da wolltest du unbedingt für Facebook arbeiten. Warum? Was hat dich da gereizt?

Antonio García Martínez: Was mich total faszinierte, war Facebooks Blick auf die Welt. Da ging es nur um Expansion. So ein bisschen wie die antiken Römer, die auf dem Weg waren, die ganze Welt zu unterwerfen. Wenn du dazu gehörst, dann hatte das auf der einen Seite etwas Erfrischendes, auf der anderen Seite aber auch fast etwas von Faschismus. Jeder musste sich unterordnen und etwas opfern. Für die Sache. In einer Welt, in der wir ansonsten keine Helden, Ikonen und Götter mehr haben, war so eine Aufgabe absolut toll. Die Dimensionen sind einfach fantastisch. Und das sagen dir alle, die bei Facebook arbeiten: Hey, das sind die Dimensionen. Wenn ich etwas mache, sehen das Milliarden.

Und heute würdest du nicht einmal mehr deinen Kindern erlauben, sich bei Facebook anzumelden..?

Antonio García Martínez: Ja, also ich bin alt genug, dass ich noch eine Welt kenne, nicht nur ohne Smartphones, sondern auch ohne Computer überall. Meine Mutter war Bibliothekarin. In einer Bücherei mit vielen alten, staubigen Büchern. So bin ich aufgewachsen und ich denke, so eine Kindheit gibt es heute nicht mehr. Ich frage mich, was das bedeutet, immer diese Aufmerksamkeitsspanne haben zu müssen, dauernd bombardiert zu werden mit Bildern und Worten. Und zwar von Leuten wie mir, die die Mechanismen hyper-optimiert haben, die dich immer dazu bringen, etwas Bestimmtes zu tun - fast wie bei einer Laborratte. Ich zögere davor, meine Kinder dem auszusetzen. Aber als Antwort auf diese Aussage haben mir viele geschrieben: Die Realität ist, dass du deine Kinder nicht vor Social Media schützen kannst. Sie werden sie definitiv nutzen. Da solltest du dich mit abfinden. Noch sind sie aber nicht alt genug. Aber wir werden es sehen.

Du redest so offen über die Interna bei Facebook - hast du keine Angst vorm Knast?

Antonio García Martínez: Nee! Die Geheimhaltungsklauseln sind ziemlich eng gefasst, betreffen vor allem die technischen Aspekte des Unternehmens. Was ich da so ausplaudere, ist, denke ich, alles legal.