Krisenzeiten sind der Nährboden für falsche Berichte und Lügen auf Social Media. Eine Analyse von US-Forschenden zeigt nun, dass auf Twitter mehr als 100 dieser falschen Berichte kursieren und zum Großteil Bots dafür verantwortlich sind, die diese Geschichten durch Retweets verbreiten.

Gerade bei Themen wie Wahlen oder Krisen versuchen Bots häufig, in den Diskussionen auf Social Media mitzumischen und die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Die Strategie dahinter lässt sich nicht sofort erkennen, da die Computerprogramme vorgeben, dass hinter den Profilen echte Menschen stecken.

Bei Posts über das neue Coronavirus sieht es nicht anders aus: In einer Vorab-Studie haben Forschende der US-amerikanischen Carnegie Mellon University in Pittsburgh herausgefunden, dass auf Twitter wahrscheinlich hinter 82 Prozent der Top 50 der einflussreichsten Retweet-Accounts Bots stecken. Unter den Top-1000-Retweet-Accounts fanden sie zu 62 Prozent Bots. Dazu untersuchten sie seit Januar 2020 mehr als 200 Millionen Tweets, die sich mit dem neuen Coronavirus oder Covid-19 befassen.

Doppelt so viele Bot-Attacken wie vorausgesagt

Aus der Erfahrung mit Wahlen oder Naturkatastrophen der Vergangenheit hatten Forschende schon prognostiziert, dass es zu solchen Bot-Aktivitäten im Zusammenhang mit dem neuen Coronavirus kommen würde. Die Analyse zeigt aber nun, dass es doppelt so viele Bot-Attacken sind, wie angenommen, erklärt Kathleen Carley, Professorin am Institute for Software Research der Carnegie Mellon University.

Kathleen Carley und ihre Kollegen seien auf von Bots abgesetzte Tweets gestoßen, die mehr als hundert Verschwörungstheorien über das Coronavirus oder angebliche Heilmittel für Covid-19 verbreitet haben.

#reopenamerica fast zur Hälfte von Bots gesteuert

In den USA trendet zum Beispiel gerade #reopenamerica mit Tweets, die sich für eine möglichst schnelle Öffnung des Landes aussprechen. Auch hier sind die Forschenden auf Bots gestoßen: Ihre Untersuchung zeigte, dass 34 Prozent der #reopenamerica-Tweets von Bots stammten und 66 Prozent von Menschen, die Bots nutzten, um die Reichweite ihrer Tweets zu vergrößern.

Wer hinter den Bot-Attacken steckt, ist so gut wie unmöglich zu beweisen, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Martina Schulte. Ob sie aus dem In- oder Ausland stammen, ob fremde Geheimdienste dahinter stecken könnten oder bestimmte politische Interessen, das bleibe wahrscheinlich unklar. Daher gilt weiterhin wachsam sein und die Vertrauenswürdigkeit einer Quelle prüfen, so die Forschenden.

"Man kann gegen die Bot-Accounts auch nur wenig tun. Wenn Twitter sie findet und schließt, poppen sie einfach unter einem neuen Namen woanders wieder auf."
Martina Schulte, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Indikatoren für Bots sind unter anderem aus dem Netz kopierte Profilbilder und auch das Absetzen einer hohen Anzahl von Tweets beziehungsweise Likes, welche die Accounts aus ständig wechselnden Ländern verteilen.

Hinweis der Redaktion: In dem Artikel berichten wir von vorab veröffentlichten Ergebnissen einer Studie. Die generelle Aussage der Studie ziehen wir zwar nicht in Zweifel, es gibt aber Kritik an den konkreten Zahlen der Bots, die wir ernst nehmen. Die Höhe dieser Bot-Zahlen kann durchaus bezweifelt werden, da sie abhängig von der jeweiligen Analysemethode ist. Mit diesem Aspekt werden wir uns im Programm noch nähergehend beschäftigen.