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Traditionen – das sind verlässliche Rituale, die einfach jedes Jahr gleich ablaufen. Auf die wir uns verlassen können. Meinen wir. Ritualforscherin Dagmar Hänel sagt aber: Traditionen sind Prozesse, die wir auch immer wieder anpassen.

Religiöse Feiertage sind während der Pandemie einfach anders als bisher. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat die Bevölkerung bereits auf das "härteste Weihnachtsfest, das wir seit Jahrzehnten erlebt haben" eingeschworen. Außerdem ist die Rede von "verantwortbarer Normalität". Wir fragen uns, was genau denn normal ist an Weihnachten? Welche Rituale und Traditionen pflegen wir eigentlich und ist es wirklich so hart, lieb gewonnene Traditionen jetzt abändern zu müssen?

Traditionen müssen keine unabänderlichen Rituale sein

Dagmar Hänel ist Leiterin der Abteilung Volkskunde am LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn. Sie erklärt, dass Traditionen uns sowohl mit der Geschichte verbinden, sich aber eben auch auf die Zukunft richten. Dass Traditionen völlig unabänderliche Rituale sind, ist ein Irrglaube.

Das Wort Tradition kommt vom lateinischen tradere. Das bedeutet weitergeben oder weitertragen. Schon das Wort weist darauf hin, dass Tradition ein Prozess ist, so Dagmar Hänel.

"Traditionen haben was zu tun mit einer Verankerung in der Geschichte, aber auch mit einer Perspektive auf die Zukunft."
Dagmar Hänel, Ritualforscherin

Ein Teil dieses Prozesses ist die Kommunikation, sagt Dagmar Hänel. Und es geht darum, etwas in die Zukunft zu geben. Und jedes Mal, wenn wir eine Tradition vollziehen und damit etwas weitergeben, entscheiden wir, was wir weitergeben möchten. Und diejenigen, die das Weitergegebene annehmen, entscheiden, was davon sie denn annehmen möchten, und auch, wie sie das für sich gestalten. Das ist im Prinzip kein abgeschlossener, sondern ein offener Prozess, so die Ritualforscherin.

"Tradition ist also eigentlich ein ganz offener und ein ganz kreativer Prozess."
Dagmar Hänel, Ritualforscherin

Trotzdem können solche Traditionen natürlich auch bedrückend sein. Zum Beispiel innerhalb von Familien. Denn nicht allen fällt es leicht, Traditionen so flexibel und offen zu gestalten. Das liegt an der Funktion von Traditionen und Ritualen, erklärt Dagmar Hänel. Sie helfen uns zum einen, ein Gemeinschaftserlebnis zu bilden, zum anderen vermittelt uns Altbekanntes Sicherheit und Vertrauen.

Im Prinzip wissen wir bei ritualisiertem Verhalten an jedem Punkt genau, was von uns erwartet wird und was wir tun sollen. Unsere Feiertagstraditionen sind damit das Gegengewicht zur unsicheren Lebenssituation während einer Krise. Und deshalb fällt es uns mitunter schwer, diese Traditionen zu verändern.

"Wir können nicht in permanenter Unsicherheit leben und das macht diese Tradition gerade in dieser Krisensituation Corona enorm wichtig."
Dagmar Hänel, Ritualforscherin

Sich auf den Kern konzentrieren

Trotzdem ist es vielleicht gar nicht so schlecht, aufgrund der aktuellen Situation noch einmal genauer hinzusehen, was wir eigentlich tradieren, also weitergeben und warum. Was ist der Kern unserer Traditionen? Genau da sieht Ritualforscherin Dagmar Hänel enormes Potential und sie beobachtet auch schon das ganze Jahr genau, wie kreativ Menschen mit den neuen Anforderungen umgehen.

"Wir haben eine unglaubliche Kreativität uns zu erinnern, was ist eigentlich das Wichtige an diesem Ritual und an dieser Tradition und da vielleicht auch mal andere Formen zu finden?"
Dagmar Hänel, Ritualforscherin

Indem wir gefordert sind, unsere Traditionen an die neuen Umstände anzupassen, können wir darauf blicken, was uns eigentlich wichtig ist. So kommt es Weihnachten regelmäßig zu Diskussionen ums Essen. Dabei geht es gar nicht um das Essen, das auf den Tisch kommt. Es geht um den Moment der Tischgemeinschaft.

Die Idee von Weihnachten, sagt die Ritualforscherin, kulminiere in einem Bild. Nämlich dem Bild eines Neugeborenen in einer Krippe. Da geht es um Familie, darum, sich zu erinnern, was menschliches Leben eigentlich bedeutet. Es gehe auch darum zu sehen, dass menschliches Leben extrem gefährdet sei, verletzlich und endlich, sagt Dagmar Hänel. Gedanken, die nicht nur angenehm sind, sondern auch mal weh tun oder anstrengend sind, aber die uns wieder näher zueinander führen können.