Das feministische Online-Format JatWJabt aus Marokko möchte eine Plattform von Frauen für Frauen sein, wo sie offen und ehrlich über das sprechen können, was die Gesellschaft gerne mal im Verborgenen lässt: Sex, Gewalt in der Ehe oder auch Abtreibung. Es ist das erste seiner Art.

Im Aufnahmestudio von JatWJabt leuchtet eine Vulva in pinken Neonfarben. Vieles in der Redaktion von dem marokkanischen Online-Format ist in Lilatönen gehalten – es ist die Farbe der Emanzipation, erklärt Chefredakteurin Ibtissam Ouazzani.

Auch ihr Manifest an der Redaktionstür macht schon am Eingang in lila Textfarbe deutlich, wofür JatWJabt steht: Die Macherinnen möchten Klartext reden – über die Klitoris, Homosexualität, Sex außerhalb der Ehe, sexuellen Missbrauch und über Abtreibung. Sie möchten über die Tabus der marokkanischen Gesellschaft sprechen – offen, ehrlich und ohne Stereotype. JatWJabt ist das erste feministische Online-Magazin in Marokko und seit Mai 2022 online.

"Wortwörtlich heißt JatWJabt 'Sie ist gekommen und sie hat etwas mit gebracht.'"
Ibtissam Ouazzani, Chefredakteurin beim Online-Magazin JatWJabt

Information, Aufklärung und Austausch

Die Macherinnen von dem feministischen Format nutzen Instagram und Tiktok als Plattformen für ihren Austausch. Dort möchten sie mit ihren Zuhörer*innen diskutieren, hinterfragen und ihnen zuhören.

Dafür klären sie auf Infotafeln über Themen wie sexuelle Belästigung auf, veröffentlichen kurze Videos und Dokumentationen beispielsweise über Marokkanerinnen, die keinen Zugang zu Periodenprodukten haben. Und sie laden regelmäßig Frauen in ihr Talkformat ein, darunter bekannte marokkanische Feministinnen, queere Buchautorinnen, Abtreibungsbefürworterinnen oder auch Mädchen und Frauen, die sich Stereotype und Sexismus widersetzen. Denn das sei für viele Frauen in Marokko Alltag: Sie erfahren durch die Gesellschaft und per Gesetz regelmäßig Diskriminierung, so die Macherinnen von JatWJabt.

Das Manifest des Online-Magazins JatWJabt in Marokko.
© Dunja Sadaqi
Das Manifest von JatWJabt.
"Frau zu sein in Marokko bedeutet 2022 mindestens ein Mal im Leben das Risiko haben, wirtschaftliche, psychische, physische oder sexuelle Gewalt zu erleiden, Gefängnis zu riskieren, weil man Anzeige wegen Vergewaltigung erstattet hat, weil man abgetrieben hat."
Chefredakteurin Ibtissam Ouazzani liest aus dem Manifest von JatWJabt vor

Sie arbeiten gegen die Diskriminierung von Frauen

Ihr Redaktionsteam besteht aus weniger als zehn Frauen. Eine davon ist Bahia. Sie arbeitet dort als Reporterin. Wenn sie mit anderen darüber spricht, was ihr Job ist, könne das nicht jede*r nachvollziehen, sagt sie. "Manchmal muss ich ein bisschen verstecken, was ich mache – das ist normal. Ich kann nicht sagen, dass meine Familie zu 100 Prozent offen ist, aber wir versuchen immer über die Rechte von Frauen zu sprechen."

Über viele Themen kann man auch öffentlich in Marokko reden, sagt ARD-Korrespondentin Dunja Sadaqi. Teilweise seien die Reaktionen darauf aber heftig – besonders im Netz. Das merken auch die Macherinnen von JatWJabt. Auf ihre Arbeit reagieren manche mit sexistischen Kommentaren oder Beleidigungen. "Manchmal gibt es Hater – das überrascht uns nicht. Es beweist im Endeffekt, warum es uns geben muss. Wir wissen, unsere Themen sind delikat, aber dafür sind wir da. Und wir werden nicht aufhören, bis sich etwas ändert", erklärt Ibtissam Ouazzani.

Hunger auf feministische Themen

Seit dem Start von JatWJabt bekämen sie auch viel positives Feedback. Chefredakteurin Ibtissam Ouazzani beschreibt es als "Hunger" auf feministische Themen. Bisher gebe es in Marokko kein Format, das mit einer ähnlichen Perspektive und Haltung über Themen wie Sex, sexualisierte Gewalt oder die Rolle der Frau im Islam spreche.

Damit sie auch möglichst viele erreichen, veröffentlichen sie ihre Inhalte in marokkanischem Dialekt und nicht wie andere Medien auf Französisch. Sonst würden die Inhalte nur eine französischsprachige Elite in Marokko erreichen.

Unser Bild zeigt die Redaktionsräume von JatWJabt. Auf den Postern sind feministische Ikonen aus Marokko wie Leila Slimani und aus anderen afrikanischen Staaten als auch Europa.

  • Moderator:  Nik Potthoff
  • Gesprächspartnerin:  Dunja Sadaqi, ARD-Korrespondentin für Nordwestafrika