Auf den griechischen Inseln gibt es Proteste gegen die EU-Flüchtlingspolitik. Zugleich ist die Situation für die Flüchtlinge in den völlig überfüllten Lagern kaum zu ertragen. Thomas Bormann, ARD-Korrespondent für die Türkei, war auf Samos. Er hat die Camps besucht und mit Flüchtlingen gesprochen. Doch eine Lösung aus Brüssel wird es so schnell nicht geben.

2016 wurde das EU-Flüchtlingsabkommen mit der Türkei geschlossen. Nun gibt es erneut Streit darum. Die EU soll versprochene Gelder nicht ausgezahlt haben, so die türkische Regierung.

Mit dem Abkommen sollte auch erreicht werden, dass weniger Menschen auf ihrer Flucht über die Ägäis von der Türkei nach Griechenland ihr Leben riskieren. Flüchtlinge sollten in die Türkei zurückgeschickt werden.

Doch zurzeit leben rund 40.000 Geflüchtete auf den griechischen Inseln – unter teils unmenschlichen Bedingungen. Auf einzelnen Inseln, wie Samos, Chios und Lesbos gab es am 22. Januar Proteste der Inselbewohnerinnen und -bewohner.

Die Regierung in Athen reagierte: Der Minister für Migration, Notis Mitarakis, kündigte an, dass die offenen Lager abgeschafft werden sollen. Die Flüchtlinge sollen aber lediglich innerhalb der Inseln umziehen – und zwar in geschlossene Lager. "Für die Flüchtlinge ist das furchtbar", sagt Thomas Bormann, ARD-Korrespondent für die Türkei. Er war auf den griechischen Inseln unterwegs.

Unmenschliche Bedingungen in den Lagern

Thomas Bormann war zum Beispiel auf Samos. In der Hauptstadt die den Inselnamen trägt, leben rund 7000 Menschen. In unmittelbarer Nähe ist ein Lager mit 7000 Flüchtlingen. "Die Flüchtlinge leben dort unter furchtbaren Bedingungen", sagt Thomas Bormann. Aber immerhin können sie das Lager verlassen, durch die Stadt oder entlang der Uferpromenade laufen. Falls die Flüchtlinge in geschlossene Lager umsiedeln sollen, wird die Situation noch dramatischer.

Migrationsminister Notis Mitarakis stammt von einer der Inseln Griechenlands, von Chios. Er kennt die Situation vor Ort – auch die Sorgen der griechischen Einwohner und Einwohnerinnen. Die Infrastruktur auf den Inseln ist nicht für so viele Menschen ausgelegt, berichtet Thomas Bormann. So sind zum Beispiel die Krankenhäuser und Arztpraxen vor Ort total überfüllt, was die Inselbewohner und -bewohnerinnen nervt. Konflikte sind da vorprogrammiert.

"Die Infrastruktur auf den Inseln ist überhaupt nicht für so viele Menschen ausgelegt."
Thomas Bormann, ARD-Korrespondent für die Türkei

Die Lager sind teils so überfüllt, dass Flüchtlinge begonnen haben, sich selbst Hütten direkt angrenzend zu den Lagern zu bauen. Diese selbst gezimmerten Unterkünfte haben jedoch keine Toiletten, Strom- oder Wasseranschluss.

Blick auf ein Flüchtlingslager auf Lesbos in der Nähe von Moria, neben Containern und Zelten sind auch viele selbstgebaute Hütten zu sehen (12.12.2019).
© Imago | Le Pictorium
Auch dieses Lager wächst. Die Menschen bauen sich eigene Hütten. Das Lager ist auf Lesbos, in der Nähe von Moria. 18.000 Menschen sollen dort leben – es wäre damit das größte Flüchtlingscamp in der EU.

Manche Flüchtlinge haben mittlerweile resigniert. Aber zurückzugehen ist meist keine Option. Thomas Bormann hat zum Beispiel eine Familie aus Bagdad, Irak, getroffen. Sie gehörte vor ihrer Flucht zur Mittelschicht, doch sie muss fürchten verfolgt zu werden, falls sie zurückkehrt. Sie sind Sunniten und wurden in ihrer Heimat von schiitischen Extremisten bedroht.

Konflikte und Gewalt in den Lagern

Eine Frau aus dem syrischen Aleppo hat Thomas Bormann ihrer permanenten Angst um ihre Kinder erzählt. Für sie sei es ein schwieriger Ort. Oft genug gebe es nachts Schlägereien. "Wir fürchten uns", erzählte sie.

Die Inselbewohner und -bewohnerinnen wiederum sind verärgert, berichtet Thomas Bormann. Sie haben das Gefühl, dass sie die Fehler und Mängel der EU-Flüchtlingspolitik ausbügeln müssen.

"Die Inselbewohner sind sauer, dass die Mängel der EU-Flüchtlingspolitik auf ihrem Rücken ausgetragen werden."
Thomas Bormann, ARD-Korrespondent für die Türkei

Die Flüchtlinge werden auf den Inseln festgehalten, um festzustellen, ob sie bleiben dürfen. Doch das passiert nicht binnen drei oder vier Wochen. Durch das komplizierte griechische Asylverfahren, kann die Entscheidung Jahre dauern.

Aber hinzu kommt auch, dass es natürlich sehr viel mehr Asylanträge sind, die in Griechenland gestellt werden als im Rest der EU. Doch dass die Flüchtlinge für die Zeit des Wartens aufs Festland kommen oder in andere EU-Länder, das wollen weder die griechische Regierung noch die anderen EU-Länder, so Thomas Bormann. Denn man fürchte, dass dies als Zeichen gesehen werden könnte, das die Flüchtlingsroute über die griechischen Inseln offen sei.