Millionen Menschen sind allein innerhalb Afrikas auf der Flucht. In einigen Flüchtlingslagern wächst inzwischen die dritte Generation ohne Chance auf Rückkehr in die Heimat heran.

Auch in Afrika sind Flucht und Migration ein Thema, wie aktuell beim Gipfeltreffen der Afrikanischen Union in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba. Mit dabei, UN-Generalsekretär Antonio Guterres, der die Teilnehmer des Gipfels dafür gelobt hat, dass sie auch in Krisen ihre Grenzen offen gehalten und Geflüchteten geholfen haben. Ein Lob, das Korrespondentin Linda Staude nur eingeschränkt teilt.

Was auch für sie tatsächlich bemerkenswert ist: Selbst, wenn es in Nachbarländern eine Krise gibt, und die Menschen zu Hunderttausenden oder zum Teil zu Millionen fliehen, werden die Grenzen nicht geschlossen. Darüber gibt es noch nicht einmal eine Debatte. Aber – und hier kommt die Einschränkung – die Menschen müssen in den Lagern bleiben, die das UN-Flüchtlingshilfswerk einrichtet. Denn in den meisten afrikanischen Staaten gibt es keine Integrationspolitik, sondern reine Lagerpolitik. 

"Wenn ich hier in Kenia das größte Flüchtlingslager nehme, also Dadaab, das heißt ganz klar: 'Einmal Dadaab, immer Dadaab'."
Linda Staude, Korrespondentin

Weil in den meisten afrikanischen Ländern keine Integrationspolitik vorgesehen ist, bleiben die Menschen teilweise ein Leben lang in den Lagern - und darüber hinaus. Das macht die Lage in Somalia sehr deutlich. Dort dauert die Krise bereits 25 Jahre an. Das heißt, es gibt inzwischen Flüchtlinge der dritten Generation in den Lagern. Aber es  gibt auch Ausnahmen. Dazu gehört zum Beispiel Uganda. Hier werden Geflüchtete sofort integriert, indem man versucht, sie in kleinen Dorfgemeinschaften anzusiedeln, erklärt Linda Staude.

"Da gibt's keine Zäune, die können sich frei bewegen. Die können sich woanders ansiedeln. Die können sich einen Job suchen, wenn es denn welche gibt."
Linda Staude, Korrespondentin

Auch Äthiopien fängt inzwischen damit an, geflüchtete Menschen zu integrieren. Gegenüber den Eritreern galt schon immer eine etwas großzügigere Politik, erklärt Linda Staude, weil Eritrea mal Teil von Äthiopien war und es immer noch familiäre Verbindungen gibt. Aber Äthiopien hat inzwischen auch fast eine Million Menschen aus verschiedenen Ländern aufgenommen, die jetzt in die Gesellschaft integriert werden sollen. Dazu gehört, dass die Menschen Arbeit in Äthiopien finden sollen.

Gründe für die Lagerpolitik

Dass in den meisten afrikanischen Ländern vor allem Lagerpolitik betrieben wird, liegt daran, dass es dort die Hoffnung gibt, dass sich die Situation in den Krisenregionen wieder verbessert und die Menschen zurück in ihre Heimat gehen. Fluchtgründe sind in der Regel Hunger, Terror oder Bürgerkrieg.

Aber im Falle von Somalia oder auch im Sudan bestehen inzwischen uralte Konflikte. Dass sich die Situation dort in nächster Zeit für die Menschen verbessert, ist kaum zu erwarten. Auch im Kongo sieht es immer noch nicht nach Frieden aus, sagt Linda Staude. Hinzu kommt, dass die Länder, die Geflüchtete aufnehmen, selber zu den ärmsten der Welt gehören. Ohne das Flüchtlingshilfswerk der UN würden dort nicht einmal die Lager existieren.

"Äthiopien hat selber über einhundert Millionen Menschen und die haben eine Arbeitslosenquote, die ist durch die Decke."
Linda Staude, Korrespondentin

Aber selbst, wenn Äthiopien jetzt ein Integrationsprogramm startet, lassen sich die Probleme nicht so einfach lösen, sagt Linda Staude. Denn das Land kämpft mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit. Wenn jetzt Jobs für Geflüchtete reserviert werden, könnte das durchaus zu Problemen führen, befürchtet die Korrespondentin.

Kritik an Fluchtursachenbekämpfung aus Europa

In Bezug auf Afrika ist in Europa gerade das Thema Fluchtursachenbekämpfung aktuell. Für Linda Staude ein falsch gewählter Begriff, denn um Geflüchtete gehe es bei der Debatte gar nicht – vielmehr um Migrationsbekämpfung. Denn die nach der Genfer Flüchtlingskommission anerkannten Flüchtlinge in Afrika kommen gar nicht nach Europa. Die meisten hätten gar nicht die Mittel, überhaupt Schlepper zu bezahlen, so die Korrespondentin.

"Wir haben es in Ostafrika und Zentralafrika in den meisten Fällen mit Flüchtlingen zu tun. Das heißt, die sind bedroht an Leib und Leben und fallen deshalb unter die Genfer Flüchtlingskonvention."
Linda Staude, Korrespondentin

Flüchtlinge innerhalb Afrikas bringen sich schlicht über die nächste Grenze in Sicherheit. Oder fliehen, wie zum Beispiel im Kongo, im eigenen Land an einen anderen Ort. Auf diese Flüchtlinge schaut Europa aktuell sehr wenig, das ist zumindest der Eindruck, den Linda Staude hat. Sie hat sich vor Ort einige Flüchtlingslager angeschaut. Überall fehlt es an Mitteln. Zum Beispiel, um neue Zelte zu kaufen oder auch, um die Menschen vor Ort zumindest mit den allernötigsten Essensrationen zu versorgen.

"Die haben hier zum Teil die Grundnahrungsmittel zusammengestrichen, dass nur noch kleine Kinder und Schwangere das volle Essen bekommen haben. Diese Krisen hier sind gnadenlos unterfinanziert."
Linda Staude, Korrespondentin

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