Nawal kommt aus Palästina und war selbst lange auf der Flucht. Jetzt übersetzt sie für Flüchtlinge, die am Münchner Hauptbahnhof ankommen. Sie macht das mit Herz. Genau das macht es schwer, die Mitte zu finden. Eine Frau, die helfen will, es aber manchmal zu gut meint.

Nawal steht am Münchner Hauptbahnhof und macht alles: sie übersetzt, sie gibt Ratschläge, sie führt Familien zusammen, sie verteilt Essen und Klamotten. Nawal geht auf in ihrer ehrenamtlichen Beschäftigung. Sie knüpft Kontakte zu Flüchtlingen, beruhigt verwirrte Menschen, die sich nicht sicher sind, ob sie in München überhaupt in Deutschland sind.

Endlich angekommen

Nawal ist Palästinenserin, sie kommt aus Nazareth. Aufgewachsen ist sie in Jerusalem, hat dort als Kind den Sechs-Tage-Krieg miterlebt. Im Alter von 18 Jahren ist sie über die USA nach Deutschland gekommen. Richtig angekommen in Deutschland, ist sie erst in diesen Tagen, sagt sie. Seit sie für die Flüchtlinge übersetzt.

"Mein Gott, ich bin endlich in Deutschland angekommen nach 32 Jahren. Die kennen mich die Leute, die lieben mich, die geben mir Applaus."
Nawal über ihre Ankunft in Deutschland

Pragmatismus oder Liebe?

Andere Helfer am Münchner Hauptbahnhof haben gemischte Gefühle bei Nawals Engagement. Zu viel, zu gut gemeint sei das alles, heißt es. Da ist zum Beispiel Colin. Als im August tausende Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof ankamen, hat er es gemacht wie Nawal: Er ist einem Aufruf bei Facebook gefolgt und mit Wasserflaschen zum Hauptbahnhof. Heute ist er Teil der Einsatzleitung vor Ort. Er kümmert sich um Pressearbeit und die Organisation der freiwilligen Helfer. Er braucht pragmatische Helfer, keine Menschen mit ausgeprägtem Helfersyndrom.

"Wir haben eine feste Struktur, die dürfen und können neue Freiwillige nicht in Frage stellen. Wir haben schriftliche Briefings zum Ablauf."
Colin über die Organisation der freiwilligen Helfer am Hauptbahnhof

Nawal ist so beschäftigt, dass andere Ehrenamtliche sie manchmal bremsen müssen. Sie möchte gebraucht werden, sie wünscht sich, dass die Flüchtlinge sie lieben, weil sie die Flüchtlinge liebt. Colin sieht das ein bisschen anders: "Das hier ist nicht wirklich der Platz mit Biegen und Brechen eine emotionale Bindung mit Leuten aufzubauen. Klar, man soll freundlich sein, man will beruhigen."