Intervallfasten, vegane Ernährung oder doch intuitiv essen? Zum Thema Ernährung haben viele Menschen eine Meinung. Warum wir uns mit Food-Trends schmücken und wann sie gefährlich werden können, klären wir in dieser Ab 21.

Kein Zucker, kein Weizen und eigentlich nichts mehr, was Spaß macht: Diese Food-Trends hat Nils Binnberg hinter sich gelassen, denn sie haben ihn krank gemacht. Er hatte Orthorexie, eine Essstörung, bei der Betroffene krankhaft versuchen, sich gesund zu ernähren. Eigentlich wollte er nur ein paar Kilo abnehmen und konnte dann nicht mehr aufhören, seinen Körper zu optimieren.

"Das Körpergefühl musste immer weiter optimiert werden, obwohl ich schon ein Sixpack hatte. Aber ich wollte mich auch moralisch überlegen fühlen."
Nils Binnberg, Autor und Journalist

Von einem Ernährungsmediziner wurde ihm empfohlen, sich möglichst kohlenhydratarm zu ernähren und viel Kraft-Ausdauer-Sport zu machen. Danach hat Nils aber so ungefähr alle Trends ausprobiert, die er gefunden hat: "Ich habe sie wie wild ausprobiert und auch wochenweise gewechselt." Bei Abendessen mit Freundinnen und Freunden berichtet er von seinen Experimenten, ist stolz auf seinen trainierten Körper und irgendwann beschränkt sich sein Speiseplan nur noch auf fünf Lebensmittel.

"Ich war Essenssnob und Essenmissionar."
Nils Binnberg, Autor und Journalist

Erst als er von der Diagnose Orthorexie hört, wird ihm klar, dass sein Verhalten krankhafte Züge hat. Inzwischen hat er nicht nur erfolgreich eine Therapie hinter sich, sondern mit "Ich habe es satt — Wie uns Ernährungsgurus krank machen" auch ein Buch darüber geschrieben.

Manche Leute machen sich mit Food-Trends wichtig

Lieber Kohlenhydrate weglassen oder doch nur pflanzlich leben? Zu Ernährungswissenschaftlerin Maike Ehrlichmann kommen Menschen, die von den ständig wechselnden Food-Trends völlig verunsichert sind und gar nicht mehr wissen, was sie eigentlich wollen. "Der Druck, über solche Sachen Bescheid zu wissen, hat extrem zugenommen", das komme mit dem Zwang, schlank und fit zu sein.

"Wir snacken immer mehr und das Gegenteil wäre gut. Ein gutes, vernünftiges Essen kochen, mit Freunden essen und durchatmen."
Maike Ehrlichmann, Ernährungswissenschaftlerin

Statt uns von Social Media die neuesten Trends abzugucken, sollten wir wieder auf unsere inneren Körpersignale hören — das ist in der Praxis nicht für alle Menschen leicht umzusetzen. Zum anderen würde aber auch die Qualität der Lebensmittel eine große Rolle spielen.

"Essen ist auf jeden Fall zum Mode-Accessoire geworden."
Maike Ehrlichmann, Ernährungswissenschaftlerin

Warum Maike Ehrlichmann Food-Trends durchaus für ein Statussymbol hält und warum es beim Essen nicht immer kompliziert sein muss, erzählt sie uns in der Ab 21.

Wir müssen gute Lebensmittel schätzen lernen

Welchen Stellenwert haben Lebensmittel in unserer Gesellschaft? Keinen guten. Diesen Eindruck hat Friederike Gaedke. Sie sich Vorsitzende des Netzwerks "Die Gemeinschaft" – ein Verbund, dem handwerkliche Lebensmittelproduzentinnen angehören. Dazu zählen Metzgerinnen, Bäckerinnen, Käserinnen, viele Landwirtinnen aber auch Gastronominnen, wie sie selbst.

"Unser Ziel ist es, eine bessere Esskultur und auch ein besseres Ernährungssystem voranzutreiben."
Friederike Gaedke, Leiterin des Vereins Die Gemeinschaft

Ziel der Plattform sei es, in Deutschland eine bessere Esskultur zu fördern und damit verbunden auch ein besseres Ernährungssystem, sagt Friederike Gaedkev. Sie hat in Italien studiert und kennt es von dort anders. Dort hätten regionale Produkte, das Essen generell und auch Familienrezepte einen viel höheren Stellenwert. Damit verbunden sei auch das Ansehen für handwerkliche Lebensmittelproduzentinnen und -produzenten höher, sagt sie. Das will sie auch hier in Deutschland erreichen. Ein wichtiger erster Schritt sei, dass sich alle Menschen regionale, hochwertige Produkte auch leisten können, und die Berufe weiter Bestand haben.

"In Deutschland können sich nicht alle Leute gutes regionales Essen leisten. Da muss die Politik gegensteuern."
Friederike Gaedke, Leiterin des Vereins Die Gemeinschaft

Wissenswertes zum Thema Ernährung in Deutschland

  • Laut Institut für Demoskopie Allensbach haben 2020 6,5 Millionen Menschen angegeben, sich vegetarisch zu ernähren. Damit sind es 400.000 Personen mehr als noch im letzten Jahr. 1,13 Millionen Menschen ernähren sich sogar vollständig pflanzlich, also vegan.
  • Fast 38 Millionen Leute legen bei ihrem Einkauf Wert auf regionale Produkte.
  • Der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln hat 2019 einen Rekord erreicht, es wurden dafür 11,9 Milliarden Euro ausgegeben. Das ist doppelt so viel Geld wie noch vor zehn Jahren.
  • Obwohl der Fleischkonsum tendenziell abnimmt, hat 2019 durchschnittlich jeder Mensch in Deutschland fast 60 Kilo Fleisch gegessen. Die
    Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt hingegen maximal 600 Gramm Fleisch pro Woche zu essen, das wäre die Hälfte des tatsächlichen Konsums. Am häufigsten wurde Schweinefleisch gegessen, danach folgen Geflügel und Rindfleisch.
  • Das Zukunftsinstitut, ein deutsches Think Tank zur Zukunftsforschung, hat unsere Ernährung während der Corona-Pandemie untersucht: Wir würden mehr Wert auf
    gesunde und qualitative Lebensmittel legen, weshalb sich zum Beispiel mehr Leute Gemüsekisten liefern lassen.
  • Außerdem haben wir uns durch das viele zu Hause bleiben wieder an die drei klassischen Mahlzeiten — Frühstück, Mittag, Abendbrot — gewöhnt, sagt Autorin Hanni Rützler.
  • Nicht zuletzt sei das Thema DIY nun wieder gänzlich in unserer Küche oder unserem Gemüsebeet auf dem Balkon angekommen, das würde auch die vielen Bilder von selbst gebackenem Brot auf Instagram erklären.
  • Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat bei einer Umfrage 2019 herausgefunden, dass 91 Prozent der Menschen gesundes Essen
    wichtig ist.
  • Über 70 Prozent der Deutschen kocht gern, allerdings schafft es nicht mal die Hälfte der Menschen täglich zu kochen.

Neu!

Ihr könnt das Team von Ab 21 jetzt über WhatsApp erreichen. Was beschäftigt euch? Habt ihr ein Thema, über das wir unbedingt in der Sendung und im Podcast sprechen sollen? Schickt uns eine Sprachnachricht oder schreibt uns per WhatsApp:



0160-91360852




Wichtig: Wenn ihr diese Nummer einspeichert und uns eine Nachricht schickt, akzeptiert ihr unsere Regeln zum Datenschutz und bei WhatsApp die Datenschutzrichtlinien von WhatsApp.