Die Corona-Pandemie hat unser Leben, aber auch unsere Begegnungen völlig verändert. Welche Charaktere wir jetzt online daten, erklärt eine Forscherin in dieser Ab 21.

"Tinder – da wollen doch alle nur Sex" – die Dating-App hat einen ziemlich eindeutigen Ruf. Doch ist dieser Ruf auch zutreffend? Nein, sagt Forscherin Johanna Degen. Sie hat das Verhalten von 1000 Tinder-Nuterinnen und -Nutzern erforscht und kommt zu dem Schluss, dass viele dort nach einer Beziehung oder sogar einer Partnerschaft für die Familiengründung suchen. Dabei mache es keinen Unterschied, so Johanna Degen, ob gerade Corona-Pandemie ist oder nicht – nur wegen Sex sei kaum jemand auf der Plattform.

"Sex war es nicht und ist es auch heute nicht. Sex kommt an siebter Stelle von insgesamt elf Motiven.“
Johanna Degen, Psychologin

Laut der Forscherin haben die Userinnen und User insgeheim sogar hohe Erwartungen an Tinder. Diese werden durch "urbanen Mythen" befeuert, wie beispielsweise die Geschichten von glücklichen Tinder-Paaren oder Tinder-Babys – wie sie Degen nennt. Gibt es kein Happy End, seien die Userinnen und User enttäuscht.

"Bei fast allen Usern schwingt die Hoffnung mit, bei Tinder doch jemand ganz Tollen zu finden."
Johanna Degen, Psychologin

Unsere Selbstdarstellung auf Tinder hat sich verändert

Seit über zwei Monaten nun ist alles anders, die Corona-Pandemie hat auch unser Dating-Leben in die Warteschleife gestellt – zumindest was das reale Leben angeht. Beim Online-Dating sehe das anders aus, sagt Johanna Degen. "Wir sehen aus psychologischer Perspektive eine interessante Veränderung. In den ersten vier Wochen wurde sich überhaupt nicht auf die Pandemie bezogen, das entspricht einem klassischen Anpassungsprozess."

Mit der Zeit hätten die Menschen aber angefangen, Bilder mit Masken einzustellen oder sich in ihren Profilen mit Aussagen wie "Ich bin einsam" oder "Ich habe Angst" konkret auf die Pandemie zu beziehen. Das Krisen-Verhalten auf der Plattform nennt die Psychologin "atypisch" und sagt, es sei neu, sich auf der Plattform ängstlich oder schwach zu zeigen.

"Normalerweise sind wir dort alle happy, unkompliziert, lebensfroh. Sich in einer needy Position zu zeigen, das ist total neu."
Johanna Degen, Psychologin

Außerdem stellte die Forscherin fest, dass die Menschen länger und öfter in der App online sind. Anhand ihrer Arbeit konnte Degen zudem verschiedene Dating-Typen herausarbeiten.

Diese fünf Typen treffen wir während der Pandemie auf Tinder

1. Der Verdränger:
Dieser Typus nutzt das Chatten in der App als soziale Verdrängungsstrategie. Das habe er oder sie aber auch schon vor der Corona-Pandemie so gemacht, wie Johanna Degen erklärt.

2. Der Gelangweilte:
"Die sagen vielleicht: 'Ich habe einen Job, ich muss das nicht mit ins Homeoffice nehmen und die tindern dann deswegen", beschreibt die Psychologin diese Nutzenden.

3. Der Risikobereite:
Trotz der Kontaktbeschränkungen will sich dieser Typus treffen. Diese Menschen seien auch auf physische Dates aus und würden versuchen, Sex zu haben, so Degen.

4. Der Reflexive:
Dieser Typus ist nun auf der Suche nach Sicherheit. Er oder sie sei nun deshalb auf der Suche nach einer festen Partnerschaft oder versuche, zurück in die Ex-Partnerschaft zu gehen.

5. Der Covid-Lover:
Dieser Typus stellt eine Besonderheit dar, denn wir können ihm auch schon in Vor-Pandemie-Zeiten begegnet sein und eventuell den ein oder anderen guten Abend mit ihm verbracht haben. Nun aber trifft er oder sie eine bewusste Entscheidung, mit nur einem Partner oder einer Partnerin exklusiv über die Pandemie-Zeit Sex zu haben.

Fakten zum Online-Dating:

  • Im vergangenen Jahr gaben bei einer Umfrage 30 Prozent der Befragten an, Online-Dating zu nutzen oder schon einmal genutzt zu haben.
  • Augen auf beim Online-Dating! Eine weltweite Umfrage ergab: Die Hälfte aller Tinder-Nutzenden ist vergeben – ein Drittel sogar verheiratet.
  • Vor allem jüngere Menschen tindern. Dem GlobalWebIndex zufolge sind rund 41 Prozent der befragten Nutzenden zwischen 25 und 34 Jahren alt.