In den letzten Jahren haben Medien häufiger über Gewalt gegen Schiedsrichter bei Amateur-Fußballspiele berichtet. Erst vor wenigen Tagen ist ein Schiedsrichter im Saarland gestoßen und nach dem Spiel noch verfolgt worden. Über die Ursachen für die Gewalt haben wir mit Fußball-Experten Alexander Feuerherdt gesprochen.

Schlagen, Treten, Würgen. Dass es in den Amateur-Fußballligen zu Gewaltausbrüchen gegen Schiris kommt, ist leider nicht neu. Und trotzdem bessert sich die Situation nicht. Erst kürzlich (06.10.2019) sorgte ein aktueller Fall im Saarland wieder für Aufsehen.

Alexander Feuerherdt vom Podcast Collinas Erben führt das Phänomen auf verschiedene Ursachen zurück. Auch in den unteren Ligen sei Fußball ein Wettkampf mit Gewinnern, Verlierern, Auf- und Absteigern. Zusätzlich würden gesellschaftliche Konflikte wie Rassismus, Ressentiments und persönliche Veranlagungen zu erhöhter Frustration und Aggression führen. Gleichzeitig könne ein Fußballspiel auch eine Bühne für die Spieler sein, um einen Konflikt auszutragen.

"Einige Leute halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich versichere ihnen, dass es viel ernster ist."
Bill Shankly, früherer englischer Trainer

Amateur-Fußballligen: Gewalt wird häufiger und intensiver

In der Saison 2018/19 hat es laut DFB nur eine leichte Zunahme der Gewalt gegenüber der Vorsaison gegeben:

  • 2018/ 19: 2906 Angriffe gegen Schiedsrichter
  • 2017/ 18: 2866 Angriffe (bei 50.000 weniger Spielen)

Dafür sei die Intensität der Gewaltakte höher gewesen, sagt Alex Feuerherdt. In 685 Fällen wurden Spiele sogar wegen gewalttätiger Auseinandersetzungen komplett abgebrochen, berichtet er. Gewalthandlungen, Schlagen, Treten, Spucken – all das gab es bei 3.987 Spielen, Diskriminierungen in 2.725 Spielen. Prozentual gesehen sei das zwar nicht viel, in absoluten Zahlen aber viel zu viel, sagt Alex Feuerherdt.

In großen Städten komme es dabei häufiger zu Gewalt. Beispiel Köln: Hier wurden zwischen Mitte 2017 und Ende 2018 die Vergehen gegen Schiedsrichter im Bereich des Männerfußballs dokumentiert. Es gab 95 Vergehen inklusive Beleidigungen, zwölf davon waren tätliche Übergriffe und 15 wurden als Bedrohungen eingestuft.

Extreme Vorfälle

Im Juni 2019 wurden in Duisburg ein Schiedsrichter und sein Assistent, während sie am Boden lagen, durch einen Karatesprung und Tritte verletzt und mit schweren Prellungen in ein Krankenhaus eingeliefert. Im Saarland hat im April 2018 ein Torwart 16 Meter Anlauf genommen, um den Schiedsrichter mit seinem Ellbogen in die Rippen zu schlagen. Außerdem hat er ihn in den Schwitzkasten genommen und gewürgt. Der Schiedsrichter war eine Woche lang arbeitsunfähig. Im September 2011 attackierten Spieler in Berlin einen Schiedsrichter, der eine Gelb-Rote-Karte gezeigt hatte, so stark, dass er seine Zunge verschluckte und ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt.

Saarländischer Fußballbund entwickelte einen Maßnahmenkatalog

Um die Gewaltausbrüche abzuwenden oder schneller unter Kontrolle zu bekommen, hat der Saarländische Fußballbund sich verschiedene Maßnahmen überlegt, die allerdings noch verabschiedet werden müssen. Unter anderem sollen Platzordner bereitgestellt werden, Schiedsrichter sollen einen Ansprechpartner bekommen, der sie beraten kann – zum Beispiel auch, wenn es zu Anhörungen vor einem Sportgericht kommen sollte.

Der Fußball-Experte und Schiedsrichter Alex Feuerherdt sagt, dass es abzuwarten gelte, ob diese Maßnahmen wirkungsvoll seien. Ähnliche Maßnahme gab es bereits in der Vergangenheit, ohne dass sich die Situation dadurch verbessert hätte.

"Vielleicht muss es erst dazu kommen, dass die Schiedsrichter an einem Spieltag sagen: Spielt doch mal ohne uns, pfeift euch selbst."
Alex Feuerherdt, Fußball-Experte, Schiedsrichter und Podcaster

Maßnahmen seien oft nur symbolisch, kritisiert er. Wichtig sei neben der Prävention, dass Gewalttaten konsequent und nachdrücklich mit langen Sperren geahndet würden. Die Verschiebung eines Spieltags würde niemandem wehtun.

Sperren für Gewalttaten im Fußball

Der Strafrahmen für Tätlichkeiten gegen andere Spieler im Amateurbereich reichen von mindestens sechs Wochen bis zu 18 Monaten. In besonders schweren Fällen können aber auch Sperren von acht Jahren verhängt werden, sagt Alex Feuerherdt. Bei Gewalt gegen Schiedsrichter im Amateurbereich reicht das Strafmaß von sechs Monaten Sperre in nicht so schweren Fällen über mindestens ein bis drei Jahre bei schwereren Vergehen bis hin zu acht Jahren bei besonders gewalttätigen Vorfällen.