Große Parteien brauchen große gesellschaftliche Milieus – die werden aber immer kleiner. Das hat bei Wahlen Folgen für CDU/CSU und die SPD. .

Landtagswahlen sind eine gute Gelegenheit, um der Bundesregierung einen Denkzettel zu verpassen – so lassen sich die Ergebnisse der Landtagswahlen in Hessen und in Bayern auch interpretieren. Politiker und Politikerinnen von CDU und SPD haben während des Wahlkampfes und auch nach der Wahl angemerkt, dass Themen der Landespolitik für das Wahlergebnis anscheinend eine untergeordnete Rolle gespielt haben.

Eigentlich sei auch über den andauernden Streit in der Großen Koalition abgestimmt worden. So äußerte sich beispielsweise der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier.

Seit einigen Jahrzehnten entwickeln sich die Wahlergebnisse in Deutschland dahin, dass sich der Vorsprung von  CDU und SPD – der beiden Volksparteien – gegenüber den kleineren Parteien verringert. Uwe Jun, Politikwissenschaftler und Parteienforscher an der Universität Trier, möchte aber lieber von der Erosion der Volksparteien sprechen, statt von ihrem Ende.

Der Politikwissenschaftler Uwe Jun sitzt am 9. Februar 2016 in Trier an seinem Büroschreibtisch
© dpa
"Besser wäre es, von der Erosion der Volksparteien zu sprechen. Das ist ein Prozess, der in den 80er Jahren begann und sich in den letzten Jahren beschleunigt hat."

Für Uwe Jun ist der der Zerfall soziokultureller Milieus bei diesem Vorgang das Entscheidende. Das ist die abnehmende Kirchenbindung, die abnehmende Gewerkschaftsbindung. In der Folge habe dann auch die Bindung an Parteien nachgelassen. Die Heterogenisierung der Gesellschaft führe dazu, dass Parteien verschiedene gesellschaftliche Gruppen nicht mehr so stark integrieren wie in den 50er und 60er Jahren. 

Grundsätzlich gibt es eine Tendenz, dass Wählerinnen und Wähler ihre Entscheidungen zunehmend situativ treffen. Ihr Verhalten lässt sich individualpsychologisch erklären.

"Was wir in Europa und in Nordamerika sehen, ist ein Aufstieg des Populismus. Er profitiert von dem Auszehrungsprozess der traditionellen Parteien."

Die Verluste der großen Parteien werden europaweit mit dem Aufstieg populistischer Gruppierungen in Verbindung gebracht und auch mit Populismus innerhalb bestehender Parteien. Uwe Jun nennt als Beispiel die britische Labour-Partei. Und in Deutschland zieht die AfD Wähler von den großen Parteien ab. Sie erreichte in zehn Landtagen und auch im Bundestag zweistellige Ergebnisse. Bei der Bundestagswahl mobilisierte die AfD 1,2 Millionen Nichtwähler, wurde aber auch von knapp einer Million CDU/CSU-Wählern gewählt und von rund 470.000 SPD-Wählern.

Auch Bündnis 90/Die Grünen kamen zuletzt in Bayern und in Hessen auf stärkere zweistellige Ergebnisse. In Hessen erreichten sie 19,8 Prozent der abgegebenen Stimmen. Sie lagen 94 Stimmen vor der SPD und wurden damit zweitstärkste Kraft in dem Bundesland.

Volkspartei als Selbstbezeichnung

Den Ausdruck Volksparteien hat der Politikwissenschaftler und Journalist Dolf Sternberger geprägt. Dolf Sternberger lebte von 1907 bis 1989. Mit Volksparteien sind Parteien gemeint, deren politische Ziele so breit ausgelegt sind, dass sie nicht für bestimmte Interessengruppen, sondern für Mitglieder aller Schichten wählbar sind.

Der Journalist und Publizist Heribert Prantl schrieb bereits 2009, dass es von Wahl zu Wahl schwieriger werde, von Volksparteien zu sprechen. Zwar würden sich die großen Parteien selbst gerne als Volksparteien bezeichnen, aber die Bezeichnung gleiche eher einem selbstverliehenen Adelstitel.

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