Rohingya-Frauen, die auf der Flucht aus Myanmar von buddhistischen Soldaten vergewaltigt wurden, bringen Kinder zur Welt, die als Schande für sie selbst und ihre Familie gelten.

Die Vereinten Nationen bezeichneten die Flucht der Rohingya aus Myanmar vor knapp einem Jahr als die am schnellsten wachsende Flüchtlingskrise. Viele ihrer Dörfer in Myanmar wurden niedergebrannt, die Menschen von buddhistischen Soldaten bedroht, gefoltert und Frauen, darunter zum Teil auch sehr junge, vergewaltigt. 

"Das Schlimme ist eben, dass die Buddhisten - also die Soldaten, die die Frauen vergewaltigt haben - eine ganz andere Religion haben und dann gehören sie auch noch zum Feind. Die Frauen sind quasi doppelt bestraft: Von einem Andersgläubigen auf diese Art schwanger zu werden, ist der absolute Frevel."
Silke Diettrich, Korrespondentin in Neu-Delhi

Unsere Korrespondentin Silke Diettrich hat die Lager in Bangladesch, in denen die Rohingya auf unabsehbare Zeit auf engstem Raum leben müssen, mehrfach besucht und viele Rohingya-Frauen interviewt. Sie sagt, dass die Frauen durch die Vergewaltigung traumatisiert sind. 

Einige Frauen haben durch die Vergewaltigung ihre Jungfräulichkeit verloren. Ein Stigma, das für unverheiratete Frauen bedeuten kann, dass sie mit einem Mann aus der eigenen Volksgruppe keine Ehe mehr eingehen können.

Frauen, die bereits verheiratet sind, aber durch die Vergewaltigung schwanger wurden, haben es besonders schwer. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Ehemännern ihren Frauen die Schuld an der Vergewaltigung geben und deshalb nicht mehr mit ihnen sprechen oder zusammen wohnen wollen. 

"Als ich in den Lagern war, haben die Frauen auch immer nur geflüstert, wenn sie erzählt haben, was die Soldaten aus Myanmar ihnen angetan haben. Das Wort Vergewaltigung nimmt auch keine von ihnen so richtig in den Mund."
Silke Diettrich, Korrespondentin in Neu-Delhi

Silke Diettrich berichtet, dass viele der Frauen am Anfang ihrer Schwangerschaft versucht hätten, diese geheim zu halten, um nicht den Zorn ihrer Gemeinschaft auf sich zu ziehen. Frauen hätten auch versucht, mit billigsten Methoden den Fötus abzutreiben. 

"Auch wenn sie nichts dafür können, müssen sie jetzt damit leben, dass ihre eigenen Leute sie zusätzlich verstoßen."
Silke Diettrich, Korrespondentin in Neu-Delhi

Eine Frau im Camp berichtet unserer Korrespondentin, dass sie nach zwei Monaten bemerkt hätte, dass sie schwanger sei. Sie hätte dann überall versucht billige Abtreibungspillen zu bekommen. Davon hätte sie erst drei, dann vier, dann immer mehr genommen. Im dritten Monat sei das Kind dann abgegangen - das heißt, die Abtreibung hat letztendlich funktioniert.

Frauen, denen ein Schwangerschaftsabbruch nicht möglich war, durchlaufen mit der Geburt des Kindes ihres Vergewaltigers ein weiteres Trauma, sagt Silke Diettrich.

"Obwohl es schmerzlich ist, behalten einige das Kind. Obwohl das oft genauso schmerzlich ist, geben andere ihre Kinder an ein Team ab, das sich um diese Babys kümmert."
Silke Diettrich über ein Interview mit Daphne Cook von "Save the Children"

In den Camps in Bangladesch versuchen viele Organisationen, sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Neben den Vereinten Nationen und der  Weltgesundheitsorganisation befindet sich auch die Organisation "Save the Children" vor Ort, die sich besonders um die Frauen im Camp kümmert, die zurzeit ein Kind zur Welt bringen. 

"Eine Hebamme von Ärzte ohne Grenzen hat erzählt, dass viele Babys wahrscheinlich schon während der Schwangerschaft oder der Geburt gestorben seien."
Silke Diettrich, Korrespondentin in Neu-Delhi

Genaue Zahlen zu nennen, sei sehr schwierig, sagt unsere Korrespondentin, weil niemand weiß, wie viele Frauen sich in ihrer Not tatsächlich an die Hilfsorganisationen wenden. Auch weil die Frauen nicht darüber sprechen wollen, dass sie vergewaltigt wurden. 

Außerdem verschweigen viele Frauen, dass sie ein Kind ausgetragen haben, dass während der Schwangerschaft oder bei der Geburt gestorben ist. Manche Mütter würden auch das Kind, das aus einer Vergewaltigung entstanden sei, nicht füttern würden, berichtet Silke Diettrich.

"Eine Frau hat mir erzählt, dass sie ihr Baby behält, aber, dass sie nur so tue, als ob sie es lieben würde. Und sie gebe ihm Milch, weil sie es müsse. Aber, dass sie es nicht von Herzen lieben könne."
Silke Diettrich, Korrespondentin in Neu-Delhi

Die Kinder, die an die Hilfsorganisationen abgegeben werden, hätten keine große Chance auf Normalität. Zum einen erklärt Daphne Cook von "Save the Children", dass sie die Sorge hat, dass alle Kinder, die jetzt geboren werden, ein Stigma tragen. Zum anderen kann man den Kindern oftmals auch äußerlich ansehen, dass sie das Kind einer Rohingya und eines buddhistischen Soldaten seien. Buddhisten hätten eher südost-asiatische Züge, Mandelaugen und hellere Haut. Die Rohingya sehen eher aus wie Südasiaten und haben eine dunklere Haut, sagt Silke Diettrich. 

"For us the largest concern is, any children born at this time of year may grow up with a stigma attached to them."
Daphne Cook, Save the Children

Zurzeit ist die Situation in den Camps in Bangaldesch wieder besonders schwierig, weil der Monsun für Überschwemmungen sorgt. Vielen, die vor knapp einem Jahr schon alles verloren hatten, wird durch den anhaltenden Regen erneut alles genommen. 

Solange die Flüchtlingsorganisationen vor Ort sind, können die Geflüchteten mit dem Nötigsten versorgt werden. Bangladesch ist halb so groß wie Deutschland mit einer doppelt so großen Bevölkerung. Silke Diettrich sagt, dass das Land sehr arm ist und langfristig nicht in der Lage ist, so viele geflüchtete Menschen zu versorgen. 

Keine Rückkehr ohne Ausweispapiere

Es gibt zwar Abkommen zwischen Bangladesch und Myanmar und den Vereinten Nationen und Myanmar, dass die geflüchteten Rohingya zurückkommen könnten. Eines davon bereits seit Januar. Aber bisher ist noch nichts geschehen. Denn die Regierung in Myanmar verlangt, dass die Rohingya ihre Herkunft aus Myanmar nachweisen müssen. 

Da die Rohingya keine Nationalität besitzen und viele auf der Flucht ihre Papiere verloren haben, gestaltet sich diese Forderung als eine hohe bürokratische Hürde. Silke Diettrich sagt außerdem, dass sich die Vereinten Nationen nicht sicher seien, ob den Rohingya in Myanmar tatsächlich keine Gefahr mehr drohe. 

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