Wer Lebensmitteln aus dem Supermarktmüll holt, riskiert Strafen. Hamburgs Justizsenator möchte das ändern.

Containern ist strafbar. Wer Lebensmittel aus Müllcontainern von Supermärkten holt, begeht in der Regel Hausfriedensbruch und Diebstahl. In Bayern mussten sich zwei Aktivistinnen wegen Diebstahls vor Gericht verantworten. Sie wurden zu Bewährungsstrafen und Sozialstunden verurteilt.

Hamburgs Justizsenator Till Steffen von Bündnis 90/Die Grünen möchte das Containern – auch Dumpster Diving genannt – über eine Bundesratsinitiative legalisieren. Die Linke ist 2017 mit einer vergleichbaren Initiative auf Bundesebene gescheitert. Ronald Menn aus unserer Nachrichtenredaktion hat sich die Pläne angesehen.

"Hamburgs Justizsenator sagt: Es kann doch nicht sein, dass hierzulande tonnenweise genießbare Lebensmittel weggeworfen werden, aber diejenigen bestraft werden, die containern."
Ronald Menn, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Für ein Treffen der Landesjustizminister hat Till Steffen einen Antrag vorbereiten lassen. Im Kern besagt der, dass Containern auf Bundesebene legalisiert werden soll. Juristisch müsste dazu die sogenannte Eigentumsaufgabe neu geregelt werden, sodass weggeworfene Lebensmittel automatisch nicht mehr im Besitz des Supermarktes sind. Sie mitzunehmen, wäre dann kein Diebstahl mehr.

Tonnenweise Essen im Müll

Je nach Schätzung werden in Deutschland jährlich zwischen 13 und 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen - umgerechnet sind bis zu 570 Kilo pro Sekunde. Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren im Wesentlichen unverändert geblieben. Zwar hat Bundesregierung im Februar 2019 das Ziel ausgegeben, die Lebensmittelverschwendung bis 2030 zu halbieren. Sie setzt dabei allerdings bei Industrie, Einzelhandel und Privatpersonen auf Freiwilligkeit.

Auch bei der Hamburger Initiative ist die Bundesernährungsministerin skeptisch. Gegen die Legalisierung des Containerns argumentiert sie vor allem mit der Lebensmittelsicherheit – zum Beispiel, bei Produkten, die kühl bleiben müssen. Außerdem bleibe Containern eben Diebstahl.

Aus Hamburg kommt auch noch ein Alternativvorschlag: Supermärkten müsse verboten werden, noch genießbare Lebensmittel wegzuschmeißen. Sie müssten dann Lebensmittelreste, die sie nicht verkaufen, selbst verteilen.

Diese Lösung wird in Frankreich und auch in Tschechien bereits umgesetzt und hat sich dort bewährt, sagt unsere Reporterin Ilka Knigge. Die Tafeln freuen sich in beiden Ländern über mehr Lebensmittel und eine größere Auswahl. Auch drohende Strafen dürften Anreiz für die Supermärkte sein.

Ilka Knigge, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin
"Das Gesetz gilt in Tschechien – wie in Frankreich auch – für Supermärkte ab einer Fläche von 400 Quadratmeter. Es gibt auch Strafen: Bis zu 390.000 Euro kann das gehen."