1768 entdeckte der Apotheker Carl Wilhelm Scheele ein synthetisches Grün. Die Welt wurde dadurch bunter. Einziges Problem: Die Farbe enthält Arsen.

Die Geschichte beginnt mit einer Anekdote: Und zwar geht es um Napoleon I. beziehungsweise Napoleon Bonaparte. Wir kennen ihn alle aus dem Geschichtsbuch: Napoleon in weißen engen Hosen, darüber ein blauer Gehrock mit roten Manschetten an den Ärmeln und natürlich mit einer Menge Goldknöpfen und Orden. Napoleon I. hat große und krasse Feldzüge durch ganz Europa - bis nach Russland veranstaltet. Und beim letzten Feldzug - gegen die Engländer und Preußen - in Waterloo ist er dann auch ganz groß gescheitert. 1815 war das. Die Engländer haben ihn dann in Gefangenschaft genommen und auf eine kleine Insel im südlichen Atlantik verbannt: Sankt Helena.

"Er hat in seinem bescheidenen Schlösschen, wo er auf Sankt Helena wohnte, grüne Wände gehabt. Und da hat man sehr schnell einfach behauptet, dort sind Tapeten die Schweinfurter Grün oder Scheeles Grün enthalten und er ist an Arsenvergiftung gestorben."
Robert Fuchs, Professor am Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaften an der Technischen Hochschule in Köln

Die Anekdote bezieht sich jetzt auf Sankt Helena und auf den Tod von Napoleon. Am 21. Mai 1821 stirbt Napoleon nämlich auf dieser Insel. Und wie das so ist, wenn bedeutende Menschen sterben, die einerseits viele Feinde und andererseits auch viele Anhänger haben - da entstehen dann schnell wilde Spekulationen über die Todesursache. So ist das auch bei Napoleon. Und eine Theorie lautet: Napoleon ist wegen seiner grünen Wände gestorben.

"Kann eine Wand tatsächlich einen Menschen töten? Und bei der Suche nach einer Antwort bin ich auf die Geschichte von zwei Grüntönen gestoßen."
Vera Pache, Deutschlandfunk Nova

Es ist das Jahr 1775. In Köping, einer kleinen schwedischen Stadt, lebt der Apotheker Carl Wilhelm Scheele. Wobei "leben" vielleicht nicht die richtige Beschreibung für ihn ist, denn eigentlich arbeitet er nur. Er steht die meiste Zeit im Labor seiner Apotheke und experimentiert und forscht. Es gibt eine Zeichnung von ihm: ein junger Mann, mit kurzen Locken und einem weichen, leicht verträumten Blick.

Christoph Friedrich ist Professor am Institut für die Geschichte der Pharmazie in Marburg und weiß so ziemlich alles über diesen Apotheker. Er sagt: "Carl Wilhelm Scheele kann sicherlich als der bedeutendste Apotheker aller Zeiten bezeichnet werden. Er ist unheimlich erfolgreich gewesen, hat unheimlich viel entdeckt und hat ein bedeutendes wissenschaftliches Werk hinterlassen, das ihn zugleich zum bedeutendsten Chemiker aller Zeiten werden lässt." Carl Wilhelm Scheele kommt 1742 in Stralsund zur Welt. Das ist heute Deutschland, gehört aber damals zum Schwedischen Reich.

Scheeles Vater ist Bierbrauer, die Familie wohnt in einem schönen Haus in Stralsund. Aber dann laufen die Geschäfte schlecht und der Vater muss Konkurs anmelden. Das rote Haus mit dem Treppengiebel und den kleinen Fenstern wird versteigert. Carl Wilhelm ist gerade mal 14 Jahre alt. Aber weil er zehn Geschwister hat, muss er sich jetzt selber um seinen Unterhalt kümmern. Er geht nach Göteborg und beginnt dort eine Lehre als Apotheker.

"Und er hatte das Glück, in eine Apotheke zu kommen, die relativ neu war und in der es eine vorzügliche Bibliothek gab. Und weil er so fasziniert von den Naturwissenschaften war, hat er alle Bücher, die dort sich befanden, durchgearbeitet und auch alle dort beschriebenen Experimente im Apothekenlaboratorium nachvollzogen."
Christoph Friedrich, Professor am Institut für die Geschichte der Pharmazie in Marburg

Scheele lernt, Arzneien herzustellen. Aber in jeder freien Minute hantiert er mit Flaschen, Kolben, Flüssigkeiten, Pulvern und was er sonst so in die Finger bekommt und macht chemische Versuche. Wie so ein Nerd. Er vertieft sich total in seine Forschung. Das ändert sich auch nicht, als er später eine Apotheke übernimmt und sein eigenes Geschäft hat.

"Also, das was er entdeckt hat, das ist fast eine Legende."
Christoph Friedrich, Professor am Institut für die Geschichte der Pharmazie in Marburg

1776 macht Scheele Experimente mit Arsen, Arseniksäure und Kupfer. Und bei einem der Versuche setzt sich ein leuchtendes Grün am Boden des Gefäßes ab. Am Ende bleibt ein helles, leuchtendes Grünpigment übrig. Scheeles Grün.

Scheeles Grün in einer braun-beigen Welt

Um zu verstehen, was das für eine Sensation war, müssen wir uns zumindest versuchen vorzustellen, wie die Welt damals aussah. Wir können davon ausgehen, dass sie sich stark von unserer heutigen Zeit unterscheidet, erklärt André Karliczek, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für die Geschichte der Naturwissenschaften, Medizin und Technik: "Weil die Palette der Farben viel geringer gewesen ist und eben auch die Leuchtkraft. Weil die Farbtöne hauptsächlich aus der Natur gewonnen wurden und die Farben zum Färben von Kleidung - die gelben roten und blauen Töne - die liefern meistens sehr stumpfe Töne."

Ultramarin und Purpur

André Karliczek hat viel zu Farbe geforscht und er erklärt, dass im 17./18. Jahrhundert die schönen und leuchtenden Farben extrem teuer sind, zum Beispiel Ultramarin - ein leuchtendes Blau - das wird aus Lapislazuli hergestellt, also aus Edelsteinen. Oder Purpur - ein leuchtender rot-violetter Farbton - wird aus der Drüse der Purpurschnecke gewonnen. Für 1,5 Gramm Farbe braucht man etwa 12.000 Schnecken. 

Diese Farben sind zwar wunderschön strahlend, aber ihre Herstellung ist so teuer, dass sie damals den Reichen vorbehalten sind. Manchmal sogar nur Kaisern oder hohen Geistlichen. Und darum kann es gut sein, dass viele einfache Menschen, diese Farben damals noch nicht mal zu Gesicht bekommen haben.

Einfache Menschen aus der Unterschicht tragen im 18. Jahrhundert vor allem Kleidung aus Leinen und Wolle. Und zum Färben werden - wenn überhaupt - Naturfarben verwendet. Gedecktes blau, braun, grau, naturweiß und beige - das dürften vor allem die Farben der Alltagskleidung in dieser Zeit gewesen sein. Bunte Wände oder Bilder oder Poster, eben Dinge, mit denen wir unsere Wohnungen heute so dekorieren, die gab es für normale Menschen eher nicht.

In dieser Zeit entdeckt Scheele die Rezeptur für sein Grün. Ein helles Grün, das an frische Birkenblätter im Frühling erinnert. Sein Grün ist aus damaliger Sicht definitiv sensationell. Nicht nur, weil es so leuchtet. Sondern auch weil es so beständig ist. Viele Farben sind in dieser Zeit lichtempfindlich und dunkeln mit der Zeit nach oder bleichen aus. Und es ist wirtschaftlich interessant. 

"Ich will mal so sagen, dass man in dieser Zeit Farben als Wirtschaftsfaktor entdeckt und eben auch dass man sie synthetisch herstellen kann."
André Karliczek hat viel zu Farbe geforscht

Carl Wilhelm Scheele entdeckt also durch seine Experimente mit Arsen und Kupfer ein wirtschaftlich vielversprechendes Produkt. Aber auf die Idee, es zu vermarkten kommt er nicht. Das machen andere. Später, nachdem Carl Wilhelm Scheele bereits gestorben ist.

"Er war ein reiner Idealist. Er hat um der Forschung willen seine Chemie betrieben."
Christoph Friedrich, Professor am Institut für die Geschichte der Pharmazie in Marburg

1786 stirbt Carl Wilhelm Scheele, aber die Geschichte seines Grüns, die geht jetzt eigentlich erst richtig los. Denn andere erkennen das Potenzial, das in Scheeles Entdeckung steckt. Sie interessieren sich für sein Rezept - das er veröffentlicht hat - und stellen den Versuch nach. Manche verändern das Experiment noch ein bisschen, erklärt André Karliczek: "Dieses Scheele Grün wird wohl zuerst in Österreich oder von jemandem noch mal aufgehübscht, sag ich mal. Also es wird verfeinert und wieder gereinigt. Der Ton, der rauskommt, ist ein leuchtendes brillantes Grün, das besser ist als das Grün, einen ansprechenderen Farbton hat."

Schweinfurter Grün wird zur Trendfarbe

Aus Scheeles Grün wird jetzt Schweinfurter Grün. Denn die Rezeptur für diesen verbesserten Farbton, den sichert sich ein Farbenfabrikant in Schweinfurt - darum der Name. Schweinfurt liegt in Bayern. Der Unternehmer heißt Wilhelm Sattler. Und der kann sich jetzt schön die Hände reiben, denn dieses leuchtende Grün wird zur Trendfarbe.

Anfang des 19. Jahrhunderts wollen alle dieses Grün. Das Grün kommt auf Tapeten, in Wandfarbe, Maler verwenden es für ihre Gemälde. Die Welt wird bunter: Hier grüne Wände, dort grüne Kunstblumen, grünes Kinderspielzeug und beim Bäcker leuchten sogar Bonbons und Kuchen, weil das Schweinfurter Grün als Lebensmittelfarbe eingesetzt wird.

"Es war extrem beliebt, weil es eben ein anderes Grün ist, als das was man kannte in dieser Zeit. Es war leuchtend."
André Karliczek hat viel zu Farbe geforscht

Und weil das Grün so beliebt ist und so leuchtend brillant, findet es auch seinen Weg in die Mode. Das passiert damals über die adeligen Damen. Und der Hof, der in dieser Zeit Trends gesetzt hat, das ist der Hof des französischen Kaisers. Inzwischen ist das Napoleon III. - das ist ein Neffe von Napoleon I. oder Napoleon Bonaparte, also von dem Napoleon, den wir als Diktator und Feldherrn aus dem Geschichtsbuch kennen. Seine Frau, Kaiserin Eugenie, die war damals so etwas wie ein It-Girl.

"Und es ist auch da schon ein Marketing Trick gewesen - man hat der Frau von Napoleon ein Gewand oder eine Seide geschenkt, die war gefärbt mit dem damals modernsten Grün - Smaragdgrün."
Robert Fuchs

Ja, und wie das so ist mit Influencern: Die Klamotten, die Kaiserin Eugenie getragen hat, die wollten andere Frauen auch haben. Und das waren jetzt eben smaragdgrüne Ballkleider. Was zu der Zeit ein bisschen anders ist als heute: Moden im 18. und 19. Jahrhundert haben eine wesentlich längere Haltbarkeitsdauer. Nicht nur eine Saison. Das geht über Jahrzehnte. 

Und natürlich können sich nicht alle Damen teure Stoffe leisten. Aber mit Schweinfurter Grün wird inzwischen auch billigerer Stoff gefärbt. Tarlatan. Eine Art Tüllstoff - nur haltbarer und günstiger. Und plötzlich können sich noch mehr Frauen grüne Ballkleider leisten.

Die Sache mit dem Arsen

Im Laufe des 19. Jahrhunderts gibt es immer mehr Wissenschaftler, die anfangen, sich mit möglichen gesundheitlichen Folgen dieser arsenhaltigen Farben zu beschäftigen.

Es kommen in dieser Zeit vermehrt Beschwerden und Bedenken auf. Menschen, die in Schweinfurter Grün gestrichenen Räumen leben, klagen über Kopfschmerzen, es gibt Berichte über Übelkeit und Geschwülste auf der Haut und gereizte Schleimhäute. Auch Näherinnen klagen über Beschwerden. Und Frauen, die diese Ballkleider tragen. Später - 1860 - schreibt der Berliner Chemiker Otto Ziurek einen wissenschaftlichen Artikel über das Schweinfurter Grün in den Ballkleidern und warnt anschließend vor dieser Farbe.

"Eine nach dem Reigen unserer jetzigen Tänze hüpfende Dame macht bei 3/4 oder 2/4 Tact in der Minute durchschnittlich 126 Sprünge. Angenommen, dass sie an einem ganzen Ballabend nur eine 1/2 Stunde sich in wirklicher Action befände…, so ergäbe dies 3680 Sprünge respektive Erschütterungen, die sie und das Kleid zu vollführen hätten."
Otto Ziurek, ein Berliner Chemiker schreibt 1860 über Schweinfurter Grün

Der Chemiker macht dann einen Versuch, um diese 3680 Hüpfer zu simulieren: Er nimmt ein Stück grünen Stoff und schwenkt ihn 60 Minuten lang, jede Sekunde einmal auf und ab. Und dabei stellt er fest, dass das Stoffstück dabei 3,5 Prozent seines Gewichts verliert - weil Staub abbröckelt. Für ihn ist dann damit bewiesen, dass vom Tragen der grünen Ballkleider eine Gefahr ausgeht. Er hält es allerdings auch für übertrieben, von giftigen Staubwolken zu sprechen. Nach seiner Veröffentlichung warnt die Berliner Polizei vor grünem Tarlatan. Und in Leipzig wurde der Stoff sogar verboten.

Es gibt mehr und mehr Bedenken - nicht nur in Bezug auf Ballkleider. Sondern Mediziner und Wissenschaftler diskutieren auch darüber, ob die grünen Tapeten und das Schweinfurter Grün in der Lebensmittelfarbe schädlich sind. Aber das Problem: Die Methoden sind damals einfach noch nicht so weit entwickelt, sagt André Karliczek: "Der Nachweis - ist es tatsächlich diese Farbe, die diese Erscheinung hervorruft und nicht irgendetwas anderes? - Das war damals meines Erachtens relativ schwierig. Man konnte zwar zeigen, dass dies Arsen sehr giftig ist, aber dass es nun ausschließlich nur die Quelle das Kleid oder die Tapete sein soll. Das kann man relativ einfach zerreden."

Napoleon, die grünen Wände und das Arsen

Und jetzt ist da ja noch die Geschichte mit Napoleon Bonapartes grünen Wänden auf Sankt Helena. 1821 stirbt er dort. Da ist das Grün gerade voll in Mode. Erst 19 Jahre später - also 1840 kommt sein Leichnam zurück nach Frankreich. Es ist genau die Zeit, in der Wissenschaftler gerade erste Bedenken über das Arsen in der leuchtenden grünen Farbe äußern. 

Und als Napoleons Körper also 1840 ausgegraben wird, stellen die Zuständigen fest, dass er kaum verwest ist. Keine Maden, keine Würmer. Der Verdacht fällt auf Vergiftung durch Arsen. Die Engländer haben ihn vergiftet, behaupten die einen. Nein! Das Arsen kam bestimmt von den grünen Tapeten, sagen die anderen. 

Diese Theorie mit den grünen Wänden hält sich hartnäckig. Zig Seiten im Netz berichten auch heute noch darüber. In den 1990er Jahren wollten italienische Wissenschaftler endgültig Klarheit schaffen und haben Proben untersucht.

"Arsen wird in Fingernägeln oder Haaren gespeichert. Und dann gab es die erste Sensation. Hurra, man hat Arsen gefunden, also war das klar. Napoleon muss an Arsen gestorben sein und schuld waren natürlich die Tapeten, von denen man aber nichts mehr hatte."
Robert Fuchs

2008 werden dann aber noch weitere Haarproben untersucht - aus anderen Lebensabschnitten von Napoleon, aber auch von seinem Sohn und von seinen Ehefrauen. Die gibt es noch, weil es damals sehr in Mode war, kleine Haarlocken als Andenken zu verschenken.

Und die Forscher mussten dann feststellen: "Alle hatten genau den gleichen Arsen-Gehalt", sagt Robert Fuchs, "heißt, es war ganz unwahrscheinlich, dass das Arsen von den Tapeten kommt. Also man muss es im Moment offen lassen, aber auf jeden Fall ist die Theorie, dass Napoleon an den Tapeten gestorben hat ist heute vollkommen Humbug."

"Die Theorie, dass Napoleon an den Tapeten gestorben ist, ist heute vollkommen Humbug."
Robert Fuchs

Also halten wir fest: Napoleon ist nicht am Arsen in den grünen Wänden gestorben. Auch wenn die arsenhaltige Farbe sicherlich nicht besonders gut für die Gesundheit war. Ob andere Menschen am Arsen in den Wänden oder Kleidern gestorben sind? Ich habe darüber nichts gelesen, nur über gesundheitliche Beschwerden. 

Feststeht: Sowohl Scheeles Grün als auch Schweinfurter Grün werden heute nicht mehr verwendet. Es gibt inzwischen einfach zu viele Alternativen für leuchtende Grüntöne - ganz ohne Arsen.