Industrie- und Technikmuseen ziehen vor allem eine Gruppe Menschen an, sagt die Historikerin Sophie Kühnlenz: alte, weiße Männer. Das sollte und das könnte sich ändern, findet sie. Wenn dort andere Geschichten von anderen Menschen dargestellt würden, fänden sich auch mehr und andere Menschen dort wieder. Frauen etwa.

Na, wie viel Spaß hattet ihr so, wenn euch ein Lehrer in irgendein Technik- oder Industriemuseum gezerrt hat? Gääähn! Das dürfte wohl die präsenteste Erinnerung vieler sein. Ok, jetzt im Lockdown wäre uns wohl jeder Ausflug recht. Aber das ändert nichts am Grundproblem – die meisten dieser Museen sind ziemlich gleich gestrickt: Uns wird präsentiert, welcher Mann wann welche tolle Erfindung gemacht hat. Und das war's dann meistens auch schon.

"Einfach nur zu gucken, wer hat was erfunden, finde ich ein bisschen langweilig."
Sophie Kühnlenz, Historikerin

Aber das könnte auch anders sein. Und das sollte es auch, findet die Kölner Historikerin Sophie Kühnlenz. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit analysiert sie die Arbeit von Industrie- und Technikmuseen daraufhin, was sich an Ausstellungen seit den 90er Jahren verändert hat.

Technikgeschichte: Mehr als eine Geschichte alter, weißer Männer

Die meisten Technik- und Industriemuseen findet die Historikerin schlicht öde. Weil sie eben oft nur die Geschichten erfolgreicher, alter, weißer Männer erzähle. Die würden dort dargestellt, und deshalb spreche genau die das auch überwiegend an. Zwar waren viele Erfinder nun mal Männer, räumt sie ein, aber genau die wichtige Frage nach dem Grund dafür müsse sich doch in den Museen wiederfinden.

"Das mag sein, dass die meisten Erfindungen von Männern sind. Aber die spannende Frage ist ja eigentlich: Warum ist das so? Und das Technikmuseum, finde ich, ist ein wunderbarer Ort, um genau diese Fragen zu stellen."
Sophie Kühnlenz, Historikerin

Wir sollten uns fragen: "Wie sind wir eigentlich dahin gekommen, dass es einer bestimmten Gruppe von Menschen über viele viele Jahre einfach möglich war, so tolle Sachen zu erfinden? Und wo sind eigentlich die anderen?" Frauen meint Sophie Kühnlenz damit zum Beispiel.

Technik gehe uns ja schließlich alle an, wir alle benutzen Technik. Und ein Technikmuseum hält sie für den perfekten Ort, um sich über Technik im Kontext Gedanken zu machen. Hier könnten Fragen behandelt werden wie: Wer erfindet was? Wie gehen wir mit der Technik um? Wie verändert sie uns? Woher kommen die Ressourcen für die Technik? Und, und, und...

"Museen sind öffentliche Orte, das heißt: Alle Menschen sollten sich im Museum wiederfinden."
Sophie Kühnlenz, Historikerin

Museen sind für alle da, betont Sophie Kühnlenz, alle Menschen sollten sich im Museum wiederfinden. Sie glaubt: Wenn wir dort Technik und Menschen im Verhältnis betrachten, verschiedene Menschen in den Blick nehmen und unterschiedliche Geschichten statt nur die immergleiche Technikgeschichte erzählen, dann würden dort auch mehr Menschen hingehen und sich angesprochen fühlen.

Sie empfiehlt den Museen, nach Brüchen zu suchen und nach Geschichten, die gegen den Strom laufen. Nach den Stories der Frauen etwa, die sich in einer Zeit mit Naturwissenschaften befassten, als Frauen dafür noch als ungeeignet galten. Oder nach jenen Leuten zu suchen, die mit ihren Erfindungen gescheitert sind. Oder danach zu fragen, welche Auswirkungen technische Erfindungen hatten.

Beispiele für gute Museumsarbeit

Als gutes Beispiel nennt die Historikerin das Museum der Arbeit in Hamburg. Schon seit den 90ern wurde dort mehr auch auf Gender geachtet, sagt sie. Arbeit würde hier nicht nur eng als Lohnarbeit betrachtet, sondern auch Hausarbeit, Kindererziehung und ähnliche Aspekte berücksichtigt. Auch das Technische Museum Wien lobt sie. Das strickte eine komplette Ausstellung um die Frage: Wem gehört Pink?

Hier wird der Tatsache Rechnung getragen, dass Geschichte eben im Fluss ist, findet die Historikerin. Es mache deutlich, dass die Dinge zu anderen Zeiten an anderen Orten anders assoziiert werden. Und: Es berücksichtige einen breiteren gesellschaftlichen Kontext.