Die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert ist zerklüftet. Es gab Demokratie und Diktatur, Revolutionen und Reformen. Ein Vortrag des Historikers Paul Nolte über die Anfänge und das Scheitern von Demokratien in Deutschland.

Das Ende der Weimarer Republik gilt bis heute als Musterbeispiel für das Scheitern einer Demokratie. Als eine der Hauptursachen werden oft Fehler und Schwächen in der Weimarer Verfassung genannt, zum Beispiel, dass es keine Fünfprozentklausel gab.

Am 27. Februar 1933 brennt der Deutsche Reichstag in Berlin
© IMAGO / ZUMA/Keystone
Der Brand des Reichstagsgebäudes am 27. Februar 1933 markiert das Ende der Weimarer Republik
"Das Ende der Weimarer Republik ist zu einem Ur-Muster des Scheiterns von Demokratie überhaupt geworden."
Paul Nolte, Historiker

Heute sehen das viele Historiker anders, sagt Paul Nolte. Er ist Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin. Die aktuelle Forschung zeige, dass die Weimarer Verfassung sehr wohl gut und stark gewesen sei.

"Die Weimarer Reichsverfassung wird von der neueren Forschung überwiegend für eine gute und starke Verfassung gehalten."
Paul Nolte, Historiker

Geburtsgeschichte der Demokratie in Deutschland

In seinem Vortrag geht Paul Nolte durch die deutsche Geschichte. Von der Revolution von 1918/19 bis hin zur Gegenwart erzählt er, wie und wo Demokratie in Deutschland ihren Anfang genommen hat und wo sie scheiterte. Dabei wird deutlich, dass die Entwicklung von Demokratie nicht linear ist. Wir werden nicht einfach immer demokratischer, bis wir irgendwann vielleicht in einer fast perfekten demokratischen Staatsform leben.

"Die Geschichte von Demokratie ist keine lineare Entwicklung. Ein Anfang kann auch in unserer Gegenwart noch zu einem Ende führen."
Paul Nolte, Historiker

Demokratien können enden und auch wieder anfangen. Diese Anfänge können "laut" sein, sagt Paul Nolte, zum Beispiel in Form einer Revolution. Aber es gibt auch leise Anfänge von Demokratie, bei denen den Zeitgenossen selbst oft nicht bewusst ist, dass sie sich mitten in einem Demokratisierungsprozess befinden. Das war zum Beispiel in den 1960er und 1970er Jahren in der Bundesrepublik der Fall, sagt der Historiker.

Studentenprotest  1969 in Neukölln.
© dpa
Proteste von Studierenden 1968
"Die Anfänge von Demokratie liegen sehr häufig in Volksbewegung, in Revolution, in Deklaration und auch in Pathos."
Paul Nolte, Historiker

Paul Nolte ist Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin. Der Titel seines Vortrags lautet "Demokratie jetzt! Laute und stille Anfänge deutscher Demokratie im 20. Jahrhundert." Er hat diesen Vortrag am 18. Januar 2022 an der Freien Universität Berlin gehalten.