Weil Einsamkeit krank macht, hat die britische Regierung eine Ministerin für Einsamkeit ernannt. Ob sie den Menschen wirklich helfen kann, erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Stephan Beuting.

Wissenschaftler sagen, die Einsamkeit breite sich aus wie eine Epidemie. In Deutschland ist laut Studien, etwa der Bochumer Psychologie-Professorin Maike Luhmann, zufolge jeder Zehnte betroffen. In Großbritannien ist es sogar einer von acht Bürgerinnen und Bürgern. Die britische Regierung hat jetzt Tracey Crouch zur Ministerin für Einsamkeit ernannt. Sie ist bisher schon als Staatssekretärin für Sport und Zivilgesellschaft zuständige.

Depression durch Einsamkeit

Ana Tibubos, Spezialistin für psychosomatische Krankheiten, erklärt, dass Einsamkeit mit einem doppelt erhöhten Risiko an Depression verbunden ist und mit einem erhöhten Risiko, an Angststörungen zu leiden. Auch Suizidgedanken seien häufiger unter einsamen Menschen.

"Wenn man sich einsam fühlt, steigt die Chance, dass man psychisch erkrankt."
Ana Tibubos, Psychologin

Einsamkeit ist darum ein Thema, das die gesamte Bevölkerung beschäftigt. Zusätzlich altert unsere Gesellschaft, und mit dem Alter steigt das Einsamkeitsrisiko. Bei den über 85-Jährigen gibt laut Luhmanns Studie sogar jeder Fünfte an, einsam zu sein. Allerdings tritt Einsamkeit demnach auch bei den jüngeren Erwachsenen zwischen 26 und 35 besonders stark auf. Und das ist gefährlich: Bei einsamen Menschen ist das Risiko, an einer Depression zu erkranken, fünfmal so hoch wie bei nicht einsamen. Aber auch getrennte Männer scheinen, laut Tibubos, eine Risikogruppe zu sein.

"Männer, die keine Partnerin haben, leiden noch stärker unter Einsamkeit, als Frauen."
Ana Tibubos, Psychologin

Mehrere Studien haben außerdem Zusammenhänge zu körperlichen Leiden untersucht: Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Lungenleiden und Entzündungen kommen demnach sehr häufig bei Menschen vor, die sich einsam fühlen.

Ansteckungsgefahr

Die Framingham Heart Study belegt sogar, dass Einsamkeit ansteckend ist. Die Forscher haben herausgefunden, dass die Hälfte der Freunde und Angehörigen von einsamen Menschen binnen zwei Jahren selbst Gefühle von Einsamkeit entwickelten. Die Psychologen glauben, die negative Ausstrahlung einsamer Menschen sorge dafür, dass auch andere in ihrem Umfeld misstrauisch und pessimistisch werden.

Einsamkeit hat Konjunktur

Zudem leben immer mehr Menschen in Großstädten, wo die Anonymität groß ist, die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden ist in den letzten Jahren wieder gestiegen und die Digitalisierung schade uns ebenfalls, sagt Tibubos. Sie kritisiert, dass wir viele Kontakte nur über soziale Medien pflegen, aber nicht mehr so oft von Angesicht zu Angesicht miteinander interagieren. 

Die Psychologin rät, sich etwas suchen, was einem Spaß macht und darüber Bekannte und Freunde zu finden. Eine Ministerin, die solche - eigentlich recht simplen - Ratschläge in der Bevölkerung verbreitet, könnte hilfreich sein, um die Epidemie Einsamkeit einzudämmen.

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