In den USA werden Computer eingesetzt, um Gefühle von Menschen auszulesen – beispielsweise bei Bewerbungsvideos. Forschende warnen aber auf einer Fachtagung davor, sich auf die Einschätzung von Softwareprogrammen zu verlassen. Und sie haben gleich mehrere Argumente.

Computer, die mithilfe von Gesichtserkennungssoftware die Gefühle von Menschen erkennen – das funktioniert im Moment einfach noch nicht! Gleich mehrere Forschende warnen auf der Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, der AAAS eindringlich davor, Gesichtserkennungssoftware einzusetzen.

Ein Gesichtsausdruck, viele Gefühle

Laut der Forschenden ist es unmöglich, den Gesichtsausdruck eines Menschen einem eindeutigen Gefühl zu zuordnen. Stirnrunzeln könne beispielsweise ein Ausdruck von Verärgerung sein. Allerdings runzeln nicht alle Menschen ihre Stirn, weil sie sich ärgern.

Demzufolge sei das Ergebnis von Gesichtserkennungssoftware mit hoher Wahrscheinlichkeit unzuverlässig, da die Software den Teil der Menschen ausschließen würde, die ihre Stirn aufgrund einer anderen Emotion in Falten legen.

Gesichtserkennungssoftware liefert keine zuverlässigen Ergebnisse

Die Forschenden geben zu bedenken, dass Gefühle einerseits individuell ausgedrückt werden, der Gefühlsausdruck andererseits aber auch kulturell geprägt sein kann. Einen Unterschied gebe es etwa auch zwischen Männern und Frauen. Das bedeutet: Damit eine Gesichtserkennungssoftware zuverlässig und zutreffend funktioniert, müsste sie auf einen sehr diversen Pool aus Daten zurückgreifen können. Und das ist praktisch unmöglich, sagt ARD-Korrespondent Arthur Landwehr aus Seattle, der die Konferenz AAAS besucht hat.

"Die Wissenschaftler warnen dringend davor, diese Software einzusetzen und zu glauben, dass man damit zuverlässig Ergebnisse bekommt."
Arthur Landwehr, ARD-Korrespondent für die USA

Trotz aller Bedenken bieten einige Herstellerfirmen solche Gesichtserkennungssoftware bereits an. Ihr Versprechen: Zutreffende Persönlichkeitstest von Bewerberinnen und Bewerbern. Gerade in den USA nutzen viele Unternehmen so eine Software, erklärt Arthur Landwehr. Menschen, die sich bewerben, sollen zum Beispiel ein Video von sich einschicken, das Unternehmen im Anschluss durch die Software laufen lassen. Das Ergebnis dieses Persönlichkeitstestes ist dann die Grundlage dafür, welche Person in die engere Auswahl kommt oder nicht, sagt er.

"Wenn der Computer nicht erkennt, dass jemand aus einer anderen Kultur kommt, kann das zur Diskriminierung führen."
Arthur Landwehr, ARD-Korrespondent für die USA

Eine Fehlinterpretation der Gesichtsausdrücke durch den Computer kann aber Folgen haben. Diskriminierung zum Beispiel – etwa wenn die Software andere Kulturkreise nicht erkennt. "Denn gerade, wenn die Gesichtserkennungssoftware auf einen bestimmten Typen mit einem spezifischen kulturellen Hintergrund programmiert ist, würde sie einen Teil der Bewerberinnen und Bewerber automatisch ausschließen, da die Software ihre Gefühle nicht lesen könnte", so Arthur Landwehr.

Kultureller Background, Hautfarbe und Kontext

Alle Argumente zusammengenommen, muss man zu dem Schluss kommen, dass der Gesichtsausdruck allein kein ausreichender Indikator dafür ist, die Gefühle eines Menschen einschätzen zu können. Und dass Einschätzungen dieser Art von Computern übernommen werden können, muss auch mindestens angezweifelt werden.

Neben dem kulturellen Hintergrund müssen noch weitere Faktoren in die Bewertung mit einbezogen werden, wie beispielsweise die Gesichtsfarbe und die Körperhaltung, sagt Aleix Martinez, Professor für Computertechnik, in einem Interview. Er hat Computeralgorithmen erforscht, die Gesichtsausdrücke analysieren sollen und seine Ergebnisse ebenfalls auf der Jahrestagung der AAAS vorgestellt.