Die sexuelle Orientierung eines Menschen geht niemanden etwas an. Vor allem keine Software. Doch per Gesichtserkennung soll es möglich sein, anhand eines Fotos zu erkennen, ob die abgebildete Person homosexuell ist. Das hätte Folgen.

Michal Kosinski und Yilun Wang von der Stanford University haben einen Algorithmus entwickelt, mit dessen Hilfe eine Gesichtserkennungssoftware die sexuelle Orientierung von Menschen erkennen kann. Die Trefferquote ist sehr hoch: Ausgehend von nur einem Foto konnte das Programm mit einer Trefferquote von 81 Prozent schwule Männer und mit 74 Prozent homosexuelle Frauen erkennen.

Für ihren Versuch fütterten die Wissenschaftler eine Gesichtserkennungssoftware mit rund 35.000 Fotos einer US-Dating-Plattform. Unter den Fotos waren Frauen und Männer, Hetero- und Homosexuelle gleichmäßig verteilt. Das Programm konnte nun bei den homosexuellen Personen Merkmale identifizieren, die typisch waren - dazu zählen Unterschiede im mimischen Ausdruck sowie bestimmte Gesichtsproportionen. Auch das Styling spielte eine Rolle.

Sexualität als natürliche Neigung

Zu den Indikatoren gehören auch Merkmale, die die Personen selbst nicht beeinflussen können. Laut der Bildanalyse haben Homosexuelle im Vergleich zu Heterosexuellen ein schmaleres Kinn, eine längere Nase und größere Stirnpartien. Homosexuelle Frauen tendierten eher zu einem breiteren Kinn. Die Wissenschaftler vermuten, dass das Hormon Testosteron, dabei eine Rolle spielen könnte. Es beeinflusse die Ausprägung des Gesichts im Mutterleib. Das wäre ein weiterer Beleg dafür, dass Homosexualität angeboren sein könnte.

Massiver Eingriff in die Privatsphäre

Im Netz wurden die Wissenschaftler für ihre Arbeit teils heftig kritisiert. Es gab auch verbale Attacken. Denn ihre Analyse stellt einen massiven Angriff in die Privatsphäre dar. Auch wenn für die Untersuchung nur öffentlich zugängliche Profile und Fotos verwendet worden waren.

Michal Kosinski sprach mit dem Guardian über die Ergebnisse. Er war selbst erschrocken darüber, wie problemlos eine Zuordnung der sexuellen Orientierung per Software möglich war. Laut Spiegel Online schrieben die Forscher in einer Stellungnahme: "Wir haben kein Werkzeug gebaut, um in die Privatsphäre von Menschen einzudringen. Wir haben existente Technologien studiert, die bereits von zahlreichen Unternehmen und Regierungen eingesetzt werden, um zu sehen, ob diese ein Risiko für die Privatsphäre von LGBTQ-Individuen darstellen."

Klar ist, dass solch eine Software erschreckende Folgen haben kann, wenn sie zum Beispiel von Staaten eingesetzt würde, die Homosexuelle verfolgen.