Für Frauen ab 20 gibt es seit Anfang des Jahres eine Früherkennungsuntersuchung auf Gebärmutterhalskrebs. Die Medizinerin Ingrid Mühlhauser beschäftigt sich mit der Effektivität von Vorsorgeuntersuchungen. Sie kritisiert die Früherkennung auf Gebärmutterhalskrebs und befürchtet sogar Schäden dadurch.

Seit dem 1. Januar 2020 ist die Früherkennungsuntersuchung für Gebärmutterhalskrebs (medizinisch: Zervixkarzinom) neu strukturiert und läuft als organisiertes Programm. Damit soll die Qualität der Früherkennung verbessert werden. Allerdings: Nicht alle Medizinerinnen sind davon überzeugt, dass solche Screenings nützlich sind – sie könnten auch Schaden anrichten, meinen sie.

Neuerungen bei der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs

Was bleibt:

  • Nach wie vor gibt es die jährlichen Untersuchungen beim Frauenarzt und den jährlichen Pap-Test für 20- bis 34-Jährige.

Neu:

  • Neben anderen Änderungen: Frauen ab 35 Jahren können jetzt alle drei Jahre neben der jährlichen Untersuchung ein kombiniertes Screening aus zytologischer Untersuchung, also Pap-Test, und HPV-Test in Anspruch nehmen, die so genannte Ko-Testung.
  • Die Krankenkassen laden ab diesem Jahr regelmäßig ein, an dem Krebsfrüherkennungsprogramm teilzunehmen.

Die Medizinerin Ingrid Mühlhauser kritisiert, dass eine Früherkennung nur effektiv nütze, wenn die Krebserkrankung in einem frühen Stadium gefunden und dann auch früh behandelt werde.

"Es nützt mir nur etwas, wenn ich eine Krebserkrankung früher finde und dann auch eine Behandlung habe, die, wenn sie früher eingesetzt wird, tatsächlich auch ein besseres Ergebnis bringt."
Ingrid Mühlhauser, Medizinerin

"Es liegt in der Natur der Sache, dass man erst mal denkt: Früher ist immer besser", sagt die Medizinerin Ingrid Mühlhauser. Allerdings gelte das nicht immer. Beispiel Krebsfrüherkennung bei der Mammografie: Aus Studien wisse man, dass sie Todesfälle verhindern könne, aber auch, dass sie Schaden verursachen könne, wie etwa Überdiagnosen, unnötige Behandlungen oder falsche Befunde.

"Wir können nicht davon ausgehen, dass die Ultraschalluntersuchung der Brust bei gesunden beschwerdefreien Frauen tatsächlich einen Nutzen hat. Wir wissen aber, dass es dadurch einen Schaden gibt."
Ingrid Mühlhauser, Medizinerin

Und für die in den Praxen angebotenen zusätzlichen Untersuchungen, wie etwa Ultraschall, da gebe es solche Studien gar nicht, so dass wir den Nutzen gar nicht kennen, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin. Auch hier wisse man aber, dass es Nachteile durch Überdiagnosen und Übertherapien gebe.

Ähnlich sei das bei den Ultraschalluntersuchungen für Eierstockkrebs, den die Frauen als individuelle Gesundheitsleistung (Igel-Leistung) auch noch selbst zahlen müssen. Mit Studien haben Forschende herausgefunden, dass diese Untersuchungen auf Eierstockkrebs keinen Nutzen hätten. Unnötige Operationen an den Eierstöcken sind nicht harmlos, warnt Ingrid Mühlhauser.

Pap-Test auch nützlich, aber nicht ganz sicher

Der Pap-Test, räumt sie ein, habe schon dazu beigetragen, dass Gebärmutterhalskrebs heute seltener ist als noch vor den 70er Jahren, als er eingeführt wurde. Trotzdem ist sie sich auch hier sicher, dass das häufige Testen über die Jahrzehnte auch "erheblichen Schaden" angerichtet habe. Der Test zeige oft falsche Befunde an – manchmal zeige er Krebs an, wo keiner sei, manchmal würden Krebsvorstufen mit dem Test auch übersehen.

"Der Pap-Test hat sicher seine Berechtigung gehabt über die Jahre und wird er auch weiterhin haben, wenn es um die Abklärung von Verdachtsbefunden geht. Aber es ist kein sehr guter Test."
Ingrid Mühlhauser, Medizinerin

Frauen müssen besser über Krebsvorsorge informiert werden

Frauenarztpraxen verdienen einen erheblichen Anteil ihres Einkommens durch solche Untersuchungen, sagt sie. Und die Frauen seien oft schlecht informiert. Deshalb begrüßt die Medizinerin auch die im Zuge des neuen Programms herausgegebenen Informationen zur Gebärmutterhalskrebs-Früherkennung:

  • Download der Infos für Frauen zwischen 20 und 34 Jahren
  • Download der Infos für ab 35-Jährige

Die Informationen könnten den Frauen bei der Entscheidung helfen, ob und wann sie an einem Screening teilnehmen sollten. Informationen zu den wichtigen Früherkennungsuntersuchungen auch bei anderen Krebsarten findet ihr auch auf gesundheitsinformation.de, rät Ingrid Mühlhauser.

Bei anderen Krebsarten sieht es allerdings etwas anders aus. Mit dem Darmkrebs-Screening ließe sich tatsächlich die Sterblichkeit bei den Betroffenen reduzieren – das gelte allerdings nur für über 50-Jährige, nicht für Jüngere.

Gute Neuerung: Mehr Einblick in die Praxen

Ingrid Mühlhauser begrüßt, dass es mit dem neuen Programm eine Qualitätssicherung gibt und dass es evaluiert werden wird. So wisse man dann eher, was tatsächlich in den Praxen abläuft. Ihrer Ansicht nach werde aber nach wie vor viel zu viel getestet, vor allem bei jungen Frauen zwischen dem zwanzigsten und dreißigsten Lebensjahr. In dieser Altersklasse sei Gebärmutterhalskrebs sehr selten.

Ingrid Mühlhauser ist Medizinerin und Gesundheitswissenschaftlerin an der Uni Hamburg und Vorsitzende des Arbeitskreises Frauengesundheit. Sie beschäftigt sich seit langem mit evidenzbasierter Medizin allgemein und speziell mit dem Thema Kosten und Nutzen von Früherkennungs-Untersuchungen. Zum Thema hat sie auch ein Buch veröffentlicht: "Unsinn Vorsorgemedizin - wem sie nützt und wem sie schadet". Das ganze Interview mit ihr hört ihr, wenn ihr auf den Play-Button klickt.