Die Frage "Du auch hier?" deutet schon auf ein Gespräch hin, das oft eigentlich nur da ist, um eine unangenehme Stille zu übertönen. Was in anderen Kulturen gut funktioniert, ist uns oft unangenehm. Wo die Oberflächlichkeit ihre Vorteile hat und wo wir von der Smalltalk-Nation USA lernen können, klären wir in der Ab 21.

"Wieso mögen Deutsche keinen Smalltalk?" Das steht auf mehreren amerikanischen Blogs (wie diesem oder diesem hier). Die "Deutsche Welle" erstellte sogar einen Guide mit Hilferichtlichtnien, wie das lockere Gespräch mit Deutschen vielleicht doch klappen könnte. Es gibt ja nicht einmal ein genaues deutsches Wort für diese Art von Unterhaltung.

Besonders schlimm ist das Plaudern beim Friseur, sagt Alissa. Denn gerade da fühlt sie sich zum Gespräch gezwungen. "Und zwar nur, um diese Stille auszufüllen." Sie genießt lieber die angenehme Ruhe.

Smalltalk – einfach nicht drin in Deutschland?

Kaleb dagegen liebt Smalltalk – der Student hat der Plauderei sogar einen Poetry-Slam-Text gewidmet. Er findet es sehr angenehm, eine höfliche Distanz zu Leuten zu behalten, statt eine ganze Lebensgeschichte erzählt zu bekommen. Das heißt aber nicht, dass er komplett auf tiefgründige Gespräche verzichten will, betont Kaleb – nur eben auf die, die nicht ganz freiwillig entstehen.

"Es ist eine menschliche Errungenschaft, nicht allen Menschen nah sein zu müssen."
Kaleb über die Vorteile von Small Talk

Das Smalltalk-Land schlechthin sind die USA – als Felicia dorthin gezogen ist, musste die Münchnerin sich erstmal auf das lockere Gespräch an der Supermarktkasse einlassen. Diese Mentalität bringt aber auch einige Nachteile, meint die 25-Jährige: Es fällt ihr sehr schwer einzuschätzen, ob das Interesse ehrlich ist, oder aus Höflichkeit vorgespielt wird.

Smalltalk-Fakten

  • Lange Zeit wurde von Forschenden angenommen, dass uns Smalltalk unglücklich macht. 2018 haben dieselben Forschenden an der Universität von Arizona ihre Ergebnisse widerlegt: Menschen, die sozial mehr interagieren, sind tatsächlich auch glücklicher. Das hat übrigens auch nichts damit zu tun, ob wir introvertiert oder extravertiert sind.
  • Forschende an der Universität Harvard haben untersucht, was den besten Smalltalk ausmacht. Deren Erkenntnis: Auf keinen Fall das Gespräch mit "Wie geht’s?" anfangen. Lieber Nachfragen stellen, mit einer kleinen nachvollziehbaren Neuigkeit anfangen und mit Mimik und Gestik Aufmerksamkeit zeigen.
  • Gespräche in lockerer Atmosphäre machen auch schlauer – das hat eine gemeinsame Untersuchung der Universitäten Michigan und Kalifornien gezeigt. So sollen zehn Minuten Smalltalk genauso viel Brainpower aktivieren wie eine Knobelaufgabe. Das liegt laut den Forschenden an Empathie, die die kognitive Hirnarbeit mehr fördert als Konkurrenzdenken. Das zeigt auch, dass soziale und allgemeine Intelligenz eng miteinander verknüpft seien.
  • Dass die Beziehung zum Smalltalk der Deutschen nicht unbedingt einfach ist, liegt vielleicht auch daran, was wir von so einem Gespräch erwarten. Eine Umfrage dazu fand heraus, dass 74 Prozent der Deutschen von einem guten Gespräch erwarten, Neuigkeiten zu erfahren. Nur 60 Prozent gaben Spaß an.
  • Smalltalk ist schwer zu lernen – jedenfalls für künstliche Intelligenzen. Ziellose Kommunikation, sprich ein Gespräch ohne genaues Ergebnis ist für KI noch undenkbar, sagen Forschende. Deshalb bleibt die Fähigkeit der lockeren Unterhaltung erstmal menschlich. Denn es ist klar: Auch wenn wir nicht besonders gut darin sind, können wir Smalltalk üben.
Podcast zur Sendung
  • Ab 21
  • Moderatorin:  Shalin Rogall
  • Gesprächspartnerin:  Felicia Hofner, betreibt den Vlog "German Girl in America"
  • Gesprächspartnerin:  Alissa Hacker
  • Gesprächspartner:  Kaleb Erdmann, Slam-Poet
  • Gesprächspartnerin:  Carolin Lüdemann, Coachin