Gewalttätige Spieler und Zuschauer sind beim Fußball ein Dauerthema – oft geht es gegen die Schiedsrichter. Einer von ihnen sagt, warum er auf offene Kommunikation auf dem Platz setzt.

Gewalt im (Amateur-)Fußball ist irgendwie ein Dauerthema. Oft sind die Schiedsrichter die Opfer. Jüngste Beispiele: In Mühlheim flogen Steine gegen das Auto eines Schiedsrichters. Im hessischen Dieburg wurde ein Unparteiischer bewusstlos geschlagen.

Die Schiedsrichter reagieren und haben im Saarland bereits im September und vergangenes Wochenende in Berlin gestreikt. Johann Schwarz ist einer von denen, die jetzt ein Zeichen setzen wollen. Der Streik sei ein letztes Mittel, meint er, um den Fußballern klar zu machen: So geht es nicht!

"Wie bei uns der Platzverweis das letzte Mittel ist, ist hier der Streik das letzte Mittel. Wir machen das, weil wir das Gefühl haben, wir bekommen das nicht mehr unter Kontrolle."
Johann Schwarz, streikender Schiedsrichter, Berlin

In Berlin hat der Fußballverband in der laufenden Saison bereits 109 Vorfälle von Gewalt auf dem Platz gezählt. 53 Angriffe gingen gegen den Unparteiischen, ein spezifisches Problem dieser Sportart Fußball.

Johann Schwarz weist darauf hin, dass sich selbst beim körperbetonten Rugby die Spieler an die Regeln halten. Für ihn ist es unerklärlich, warum das gerade beim Fußball anders ist.

Im Fußball werden soziale Konflikte ausgetragen

Eine Erklärung dafür hat Ulf Gebken. Er lehrt Sportsoziologe an der Universität Duisburg-Essen. Und er sagt: Fußball spreche auch deutlich benachteiligte Bevölkerungsschichten an. So würden Konflikte auf dem Platz ausgetragen.

"Die sozial benachteiligten Schichten, die erreicht der Fußball. Die erreichen die anderen Sportarten nicht. Dann ist es auch klar, dass es diese sozialen Konflikte gibt."

In Essen gibt es ein ähnliches Gewaltproblem auf den Fußballplätzen wie in Berlin. Ulf Gebken berät dort verschiedene Vereine, um die Situation zu verbessern. Er hat festgestellt, dass die Aggressionen ganz häufig nicht von den Spielern ausgehen, sondern von den Zuschauern. Deswegen wünscht er sich, dass die Schiris nicht nur Spieler, sondern auch Leute aus dem Publikum vom Platz verweisen können.

"Das wäre eine revolutionäre Haltung, dass man gegen die Zuschauer interveniert, die diese Gewaltpotentiale in das Spiel hineintragen."

Oft würden Spieler von außen angestachelt und rasteten in der Folge aus. Das sollte der Schiedsrichter möglichst unterbinden können.

Schiedsperson könnte klären

Eine Broschüre mit dieser und weiteren Präventionsmaßnahmen hat der Sportsoziologe mit einem Kollegen erarbeitet. Er und auch Schiedsrichter Johann Schwarz sind sich einig, dass nach einem harten Spiel heute oft das klärende Gespräch mit einer Schiedsperson oder mit dem gegnerischen Verein fehlt. Zwar könnten auch Strafen des Verbands nach dem Spiel ihre Wirkung haben. Die direkte mündliche Kommunikation sei jedoch das wirksamste Mittel gegen Gewalt.

"Früher war es so, dass man über Sachen diskutiert und ein Bierchen getrunken hat. Und dann war es auch gut. Jetzt kommt man mit Aggressionen, und man fährt auch wieder mit Aggressionen."
Johann Schwarz, streikender Schiedsrichter, Berlin