Nach dem ersten Weltkrieg liegt Deutschland am Boden. Am 16. April 1922 schließen Russland und Deutschland in Rapallo einen Vertrag, dessen politische Bedeutung wichtiger ist als sein Inhalt. Denn zwei Underdogs betreten wieder die große Bühne der Geschichte. Die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen werden wieder aufgenommen, beide Seiten verzichten auf Reparationszahlungen.

Anders als heute wollen vor 100 Jahren die Regierungen des Deutschen Reichs und des revolutionären Russlands ihre Beziehungen „normalisieren“. Im Ersten Weltkrieg haben sie sich zwischen 1914 und 1917 als erbitterte Feinde gegenübergestanden. Mit dem Frieden von Brest-Litowsk schließen beide Seiten im März 1918 einen Separatfrieden und beenden die Kämpfe an der Ostfront.

Ende 1918 ist der Krieg zu Ende, Deutschland bekommt im Vertrag von Versailles die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zugesprochen. Es muss Gebiete und Industriezweige an die alliierten Sieger abtreten, hinnehmen, dass Teile des Landes besetzt werden und es muss hohe Reparationsforderungen erfüllen.

Internationale Konferenz in Genua

Das bringt die junge deutsche Republik an den Rand des Ruins, es droht die Zahlungsunfähigkeit - eine galoppierende Inflation lässt die Kaufkraft der Deutschen schrumpfen. In dieser Situation verabreden Sieger und Besiegte des Ersten Weltkriegs eine internationale Konferenz, auf der in Genua besprochen werden soll, wie der deutsche Wiederaufbau unterstützt werden könnte. Am Rande dieser Konferenz kommt es in Rapallo, in unmittelbarer Nähe zum Konferenzort, zu einem Vertrag zwischen Russland und Deutschland.

Der Inhalt des Vertrages ist weniger wichtig als seine politische Bedeutung, denn erstmals seit dem Ende des Krieges treten die beiden Underdogs der internationalen Politik wieder die große Bühne der Geschichte. Die durch Krieg und bolschewistische Revolution in Russland unterbrochenen diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen werden wieder aufgenommen, beide Seiten verzichten auf Reparationszahlungen.

Russisches Öl in Deutschland

Zudem erlaubt Deutschland den Aufbau eines Netzes von Lageranlagen und Tankstellen für russisches Öl, um auf diesem Wege die Abhängigkeit von amerikanischen oder britischen Ölimporten zu reduzieren. Bei den Westmächten Frankreich und England werden gerade die Ölimporte kritisch gesehen, außerdem befürchten sie, Russland und Deutschland planten eine erneute Aufteilung Polens wie am Ende des 18. Jahrhunderts.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Der Historiker Christian Schölzel beschreibt den deutschen Außenminister Walter Rathenau, der den Vertrag verhandelt und unterschrieben hat.
  • Die Historikerin Nadine Rossol von der University of Essex schildert die Auswirkungen des Vertrags von Rapallo.
  • Der Historiker und Osteuropa-Experte der Universität Rostock, Stefan Creutzberger, lässt die wechselvollen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland Revue passieren.
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld blickt zurück in die Anfangsjahre der Weimarer Republik.
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Esther Körfgen schildert das Zustandekommen des Vertrags von Rapallo.

Unser Bannerbild oben zeigt die beiden Unterzeichner des Vertrags von Rapallo - den damaligen deutschen Außenminister Walter Rathenau (links) und seinen russischen Amtskollegen Georgi Wassiljewitsch Tschitscherin (rechts) - sowie den Ort der Unterzeichnung, das Hotel Imperiale Palace (Aufnahme von 2009).

  • Eine Stunde History
  • Moderation:  Meike Rosenplänter
  • Gesprächspartner:  Matthias von Hellfeld, Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte