Höhere Erwartungen, harte Auseinandersetzungen, Sexismus: Eine Studie fasst die Ungleichheit im politischen System in Deutschland in Zahlen.

Bisher haben die politischen Parteien in Deutschland nur teilweise eine Kultur der Gleichberechtigung geschaffen. Das ist eines der Ergebnisse der Studie "Parteikulturen und die politische Teilhabe von Frauen", die die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) veröffentlicht hat.

"Männer stimmen deutlich eher der Aussage zu, dass sich Frauen weniger für Politik interessieren."
Stefanie Lohaus, Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft

Die EAF hat zusammen mit dem Institut für Demoskopie Allensbach (IfD) 800 Politikerinnen und Politiker aus Bund, Ländern und Kommunen der sechs im Bundestag vertretenen Parteien befragt. Das Ziel war es, Daten darüber zu erfassen, wie es um die Chancengleichheit von Männern und Frauen im Politikbetrieb steht und welche die größten Hürden sind. In der Studie werden genannt: Kommunikationskultur, etablierte Machtverhältnisse, sexuelle Belästigung.

  • So sind 65 Prozent der Politikerinnen der Meinung, dass an sie andere Erwartungen gestellt werden als an Politiker, etwa in Bezug auf ihr Verhalten, ihre Leistung oder ihr Aussehen.
  • Genau so viele Frauen gehen davon aus, dass die Art der politischen Diskussion Frauen abschreckt.
  • Rund die Hälfte der befragten Politikerinnen gibt an, dass ihre Wortmeldungen und Äußerungen weniger ernst genommen werden als die von Männern.
  • 40 Prozent aller befragten Politikerinnen und 60 Prozent aller Unter-45-Jährigen wurden laut der Umfrage im Rahmen ihrer politischen Tätigkeit einmal oder mehrfach sexuell belästigt, etwa durch sexistische Sprüche oder unangemessene Berührungen.

Innerhalb des Spektrums der im Bundestag vertretenen Parteien gibt es aber große Unterschiede. In der Studie heißt es: "Selbst Parteien mit Quotenregelungen erfahren, dass ein umfänglicher Kulturwandel nicht automatisch erfolgt, wenn der Anteil von Frauen steigt." Dies würde besonders für die SPD und die Linke gelten. Beim Thema gleiche Chance für Männer und Frauen würden die Grünen eine Vorreiterrolle einnehmen.

Männer und Frauen haben eine unterschiedliche Wahrnehmung

Die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft hat zusammen mit dem IfD auch Männer befragt. Sie sehen vieles anders als Frauen, sagt Stefanie Lohaus von der EAF: "Obwohl sie in den selben Parlamenten sitzen und an denselben Sitzungen teilnehmen, nehmen Männer die Probleme weniger wahr."

So seien die meisten Männer der Meinung, dass Frauen weniger Interesse an Politik hätten. Frauen dagegen sehen eher vielfältige Gründe für ihre Unterrepräsentanz in der Politik – etwa die späten Sitzungszeiten oder die harten Auseinandersetzungen.

"Frauen nehmen wahr, dass an sie andere Erwartungen gestellt werden."
Stefanie Lohaus, Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft

Stefanie Lohaus sieht in der ungleichen Behandlung in der Politik "ein Demokratieproblem" – und sie schlägt vor, dass Parteien Instrumente einsetzen könnten, die es vielfach schon gibt und zum Beispiel aus der Wirtschaft bekannt sind, etwa: Konkrete Zielvorgaben hinsichtlich paritätischer Besetzung, Awareness Teams und Leitlinien zum Umgang miteinander und zur Kommunikation.