Vor 75 Jahren haben US-Bomber über Hiroshima und Nagasaki Atombomben abgeworfen. Lange wurde das schreckliche Ereignis in Japan verdrängt und totgeschwiegen – bis neun Jahre später ein Kino-Monster den Japanern bei der Aufarbeitung des Traumas half.

Zehntausende Menschen starben in Hiroshima und Nagasaki als am 6. August 1945 die Atombomben von US-Bombern auf die beiden Städte niederfielen. Langfristig forderten diese Angriffe fast 200.000 Menschenleben. Der Angriff selbst wurde danach als Zivilisationsbruch bezeichnet, also als ein Ereignis, das weit über das Vorstellbare hinausging. Im Land selbst wurde der 6. August sowie die darauffolgende Niederlange Japans im zweiten Weltkrieg öffentlich kaum bis gar nicht aufgearbeitet.

Erst der humanistische Antikriegsfilm "Godzilla", im japanischen "Gojira", aus dem Jahr 1954 konnte zum ersten Mal das Trauma versinnbildlichen und wurde zum Vorbild für viele weitere Filme, sagt der Journalist und Filmemacher Jörg Buttgereit.

"In Japan wurde dieser Atombombenabwurf eigentlich schamhaft verdrängt. Der Film Godzilla hat 1954 zum ersten Mal diese Angst aufgegriffen und versinnbildlicht."
Jörg Buttgereit, Journalist und Filmemacher

Mittlerweile gibt es über 30 Godzilla-Spielfilme und drei Animationsfilme.

Ein Bild für das Unbeschreibliche

Das Monster wurde in diesem ersten Godzilla-Film als Metapher der Atombombenabwürfe und ihrer Folgen dargestellt: Wie eine übermächtige Naturgewalt macht sich das riesige Monster aus dem Meer über Japan her. Es kommt so plötzlich daher, wie auch die Atombomben, die wie aus dem Nichts über Japan abgeworfen wurden.

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In Japan war dieser Film, der damit das Genre des Kaiju-Films, also des Riesenmonsterfilms, begründet hat, extrem erfolgreich. Natürlich konnte das Monster nicht das Trauma einer ganzen Nation komplett aufarbeiten. Doch die Menschen hatten zum ersten Mal ein Bild für das Unbeschreibliche, denn Aufklärungs- und Aufarbeitungsfilme, wie wir sie hier in Deutschland über den Holocaust haben, gab es damals in Japan nicht, sagt Jörg Buttgereit.

"Das Trauma konnte natürlich nicht aufgearbeitet werden. Aber ich glaube es ist sehr hilfreich gewesen im Umgang damit. Man hatte plötzlich ein Bild für das Unbeschreibliche."
Jörg Buttgereit, Journalist und Filmemacher

Auch in Amerika blieb dieser Erfolg des Monsters nicht unentdeckt, weshalb im Jahr 1956 eine US-amerikanische Version in die Kinos kam – allerdings mit einigen Änderungen.

Abgeänderte Fassung für das US-amerikanische Kino

Denn das japanische Original richtete sich eindeutig gegen den Einsatz von Atomwaffen und kritisierte damit offen die amerikanische Regierung. Deshalb wurden die Szenen, in denen die durch das nukleare Monster Godzilla zerstörte Stadt Tokio zu sehen war, kurzerhand entfernt. Sie erinnerten zu sehr an die Bilder der zerstörten Städte von Hiroshima und Nagasaki.

"Die US-amerikanische Version wurde entschärft, damit man nicht mehr gemerkt hat, dass es eigentlich ein Film gegen Amerika und die Verwendung von Atombomben ist."
Jörg Buttgereit, Journalist und Filmemacher

Außerdem drehten die Amerikaner Szenen mit einem amerikanischen Reporter nach, der den Film in ein anderes Licht rückte, erklärt Jörg Buttgereit.

Ständige Wandlung der Godzilla-Figur

Im Laufe der Jahre wurde die Godzilla-Figur zu einem japanischen Volksheld und zudem immer familienfreundlicher. Einer der erfolgreichsten japanischen Godzilla-Filme ist bis heute "King Kong gegen Godzilla" aus dem Jahr 1962. Hier kämpft sozusagen das japanische Monster Godzilla gegen das amerikanische Monster King Kong. Er wurde zu einer familientauglichen Mediensatire und Godzilla damit zu einem Volks- und Kinderheld.

Heute wieder eine bedrohliche Naturgewalt

Heute ist das Monster für die Japaner wieder eine bedrohliche Naturgewalt, mit der sich die Menschen arrangieren müssen. Das zeigt auch der Film "Shin Godzilla" aus dem Jahr 2016. Darin wird die Tsunami- und Reaktorkatastrophe von Fukushima aufgearbeitet – eine, für japanische Verhältnisse, "ungewöhnlich selbstkritische Zustandsbeschreibung der Hilflosigkeit gegenüber der immer noch bedrohlichen Lage in Fukushima", sagt Jörg Buttgereit.