Deutsche Sprache, schwere Sprache. Und besonders die Grammatik zu lernen kann hart sein, gerade im Deutschunterricht. Doch schon vor der Schule kommen wir mit der Sprache zurecht, sogar mit komplexen Sätzen. Denn: Die Technik dafür ist uns angeboren. Lernen müssen wir aber trotzdem. 

Tatsächlich hat jeder Mensch die nötige Grammatik-Technik schon im Kopf. Das passende System ist uns angeboren. Zwar kennen wir nicht automatisch die konkreten Regeln, sodass wir sie in der Schule nur noch runterbeten müssten – aber wir können uns die Regeln unbewusst selbst herleiten. 

"Uns ist die Fähigkeit angeboren, Regelmäßigkeiten im Sprach-Input zu erkennnen und daraus Regeln abzuleiten. Dieser Sprach-Input kommt von den Eltern. Wenn die mit dem Kind in ganzen Sätzen reden, kann das Kind daraus die Regeln herausdefinieren."
Angela Friederici, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig

Für die Verarbeitung der Grammatik sind verschiedene Teile des Gehirns zuständig. Besonders wichtig ist aber eine Art Datenautobahn zwischen diesen Bereichen, der Fasciculus arcuatus, auch "Bogenstrang" genannt. Das ist ein Nervenbündel, das die Informationen über unsere Sprache transportiert. Dann können wir daraus die Grammatikregeln ableiten. Nach und nach bildet sich dieser Strang aus, die Verbindung im Gehirn funktioniert dann immer besser. 

Datenautobahn für die Grammatik

Das Ganze funktioniert aber nur, wenn wir rechtzeitig genügend Sprach-Input bekommen, also wenn zum Beispiel unsere Eltern schon früh mit uns sprechen. Dafür gibt es eine "sensible Phase", ein gewisses Zeitfenster, das geöffnet ist, bis wir etwa sechs oder sieben Jahre alt sind. Danach ist das Gehirn nicht mehr so flexibel und kann die Sprache nicht mehr so systematisch analysieren. Das Nervenbündel ist nicht genügend ausgebildet. Später hätten wir dann Schwierigkeiten beim Sprechen und Verstehen. 

"Wir haben zeigen können, dass die Stärke der Faserverbindungen während der Entwicklung der Kinder voraussagt, wie gut oder schlecht sie grammatisch komplexe Sätze verarbeiten können."
Angela Friederici, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig

Dass sich die Verbindung zwischen den Hirnarealen erst nach und nach aufbaut, haben die Wissenschaftler auch bei einem Test mit Kindern herausgefunden. Kinder, die ungefähr im fünften Lebensjahr waren, konnten den Satz "Der Bär schubst den Tiger" problemlos verstehen. Als die Wissenschaftler den Satz aber zu "Den Tiger schubst der Bär" umgestellt haben, war den Kindern nicht mehr klar, wer wen schubst. Der zweite Satz, bei dem das Objekt nach vorn gestellt wurde, war grammatikalisch zu komplex. Ihr Grammatik-Nervenbündel war noch nicht weit genug ausgeprägt. Normalerweise versteht unser Gehirn einen Satz ungefähr innerhalb einer halben Sekunde. 

Belohnungssystem zum Grammatiklernen?

Das Lernen der Muttersprache geht für viele Kinder fast automatisch. Manche Kinder können gar nicht aufhören zu sprechen, plappern nach, was sie hören. Angela Friederici vermutet deshalb, dass es noch ein System im Kopf gibt, dass uns Lust aufs Grammatiklernen macht. Grundsätzlich haben wir nämlich mit dem Nucleus Accumbens ein "Belohnungssystem" im Gehirn, das uns Lust aufs Lernen macht. Ob das aber auch für Grammatik gilt – das ist noch nicht bekannt.