Man kann sympathischere Geschichten erzählen als die des Stacheldrahts, denn sein Zweck ist: ausgrenzen, abhalten, festhalten, verletzen. Und darin wird er immer besser.

Wilder Westen 1842: In den Great Plains machten Rinderherden das neue Weideland platt. Und Joseph Glidden, Farmer und Sohn englischer Einwanderer, tüftelte mit anderen um die Wette. Etwas musste her, um die Tiere fernzuhalten. Waren die ersten Versuche der Drahtzäune noch von den Sporen der Cowboystiefel inspiriert, schafft Glidden schließlich mit seiner Variante den Durchbruch: durch zwei ineinander gespannte Drähte wird der Stachel fixiert, sodass die Tiere, die sich ihm entgegen stellen, sich nicht hinauswinden können. 1874 meldet er das Patent an, das ihn reich machen sollte.

Stacheldraht und Stellungskrieg

Später setzten auch die Rinderzüchter auf den Draht und teilten so das Land unter sich auf. Sie lieferten sich regelrechte Weidekriege, um ihre Territorien zu schützen. Apropos "ihr Territorium". Auch die indigene Bevölkerung wurde durch die neuartige Umzäunung weiter eingeschränkt und konnte sich in ihrem Land nicht mehr frei bewegen.

Im ersten Weltkrieg sollte der Draht eine andere Aufgabe erhalten. Statt der Mann-gegen-Mann-Konfrontation in früheren Konflikten änderten sich Kriegstaktik und Mittel, neue Methoden wurden eingesetzt: Maschinengewehre, Flammenwerfer und eben Stacheldraht. Als der deutsche Vormarsch ins Stocken geriet, sicherten die Soldaten ihre Stellungen mit dem Weidezaun. Später setzen auch die Franzosen den Draht ein. Wer sich in seinen Dornen verfing, starb im Kreuzfeuer - ein Gefängnis auf dem Schlachtfeld.

"Nach missglückten Vorstößen blieben verwundete Kameraden in dem Stacheldraht vor den feindlichen Gräben hängen. Wir konnten und durften ihnen keine Hilfe bringen, da die Gegner unbarmherzig niederschossen, was in ihre Nähe kam."
Aus dem Brief eines Infranteristen im ersten Weltkrieg

Es sind auch mit Stacheldraht eingezäunten Türme in den Konzentrationslagern der Nazis, die sich eingebrannt haben. Doppelt gelegt und mit Strom versehen, sollen sie die Flucht unmöglich machen. Der einzige Ausweg ist der Tod im Zaun. "In den Draht gehen" wird zu einem Synonym für den Suizid der Häftlinge. Spätestens jetzt wird der Stacheldraht zum Symbol für die Unterdrückung.

Ein Junge in einem Geflecht aus Natodrähten. Aufgenommen im Sperrgebiet des Gazastreifens 2006.
© dpa
"Natodraht" heißt die modifizierte Variante des Stacheldrahts, da er von den Nato-Verbündeten USA nach Deutschland importiert wurde. Seine scharfen Klingen sind zwischen 10 und 66 Millimeter lang. Er wird heute vor allem im militärischen Bereich weltweit eingesetzt. Wie hier in der Sperrzone des Gazastreifens.

Heute wird der sogenannten Nato-Draht verwendet: er ist die Weiterentwicklung des Stacheldrahts, der durch seine scharfe Klingen mit Widerhaken schwerer zu überwinden ist. Er wird zur Sicherung öffentlicher Gebäude verwendet, etwa von Behörden, Gefängnissen. Da er nicht unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fällt, kann er aber auch im privaten Bereich eingesetzt werden, beispielsweise vor Industrieunternehmen.

175 Kilometer Grenzzaun

Besonders an Landesgrenzen wird Stacheldraht als (zusätzliche) Hürde eingesetzt. Ein sieben Meter hoher, kilometerlanger Zaun aus Natodraht sperrt etwa die spanische Exklave Melilla ab. Jedes Jahr versuchen afrikanische Flüchtlinge über den Zaun ins Auffanglager zu kommen. Viele werden bei dem Versuch Asyl zu erlangen schwer verletzt. Erst vor wenigen Tagen wurde an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien ein 175 km Stacheldrahtzaun fertig gestellt. Zuletzt drohte der ungarische Premier Viktor Orbán, auch die Grenze zu Kroatien auf die gleiche Weise abzusperren, sollten weitere Flüchtlinge auf diesem Weg ins Land kommen.

Bis zu 30 Jahre halten die verzinkten Stachel der Drahtzäune. Gliddens Idee eines gefährlichen Zauns, so scheint es, hält deutlich länger.

Mehr Stacheldraht im Netz:

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