Für die Klimaaktivistin Greta Thunberg ist es vertretbar, Atomkraftwerke, die am Netz sind, weiterlaufen zu lassen. Im Vergleich zu Kohlekraftwerken und deren Emissionen seien diese AKWs das kleinere Übel, meint sie in einem ARD-Interview.

Eine 180-Grad-Drehung von Greta Thunberg ist ihre Aussage im Interview bei Sandra Maischberger nicht. Für sie stehen die CO2-Emissionen klar im Vordergrund. Ihrer Meinung nach müssen sie drastisch reduziert werden. Atomkraftwerke, die eh schon laufen, stehen für sie deshalb auf jeden Fall besser da als Kohlekraftwerke.

"Wenn AKW schon laufen, glaube ich, dass es ein Fehler wäre, sie abzuschalten und sich der Kohle zuzuwenden."
Greta Thunberg, Klimaaktivistin, in einem ARD-Interview

Die Atomkraft war insgesamt nur sehr kurz Thema im Interview. Über Atommüll, neue Brennstäbe oder die Risiken der Atomkraft wurde nicht gesprochen.

Atomkraft vor allem in Deutschland umstritten

In Schweden oder auch Finnland wird über Atomkraft nicht so ausführlich diskutiert wie in Deutschland und eher als eine Übergangsenergie hin zu erneuerbaren Energien gesehen. Auch die EU hat die Atomkraft in die Taxonomie aufgenommen. Das soll zum Jahreswechsel in Kraft treten. Österreich hat dagegen Klage beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) eingereicht, unterstützt von Luxemburg. "Wogegen ich mich mit aller Kraft wehre, ist der Versuch, durch die Hintertür Atomkraft und Gas grün zu waschen", sagte Leonore Gewessler, die grüne Klimaschutzministerin Österreichs.

"Auch die EU will ja die Atomkraft als klimaneutral einstufen. Das soll zum Jahreswechsel in Kraft treten."
Ines Grunow, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Applaus für Greta Thunbergs Aussage zu den AKWs kam postwendend von der FDP – ein Lob von eher ungewohnter Seite. FDP-Chef Christian Lindner hat die Steilvorlage gleich aufgenommen.

Auch von CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak kam Applaus.

Zwischen den beiden Regierungsparteien FDP und Grüne herrscht inzwischen ein offener Streit darüber, wie viele AKWs und wie lange sie weiter betrieben werden sollen.

  • Finanzminister Christian Lindner will die drei AKWs Isar 2, Neckarwestheim und Emsland bis mindestens 2024 laufen lassen.
  • Wirtschaftsminister Robert Habeck will nur die beiden AKWs Isar 2 und Neckarwestheim bis April 2023 betreiben.

Eigentlich sollte das Thema spätestens am 10. Oktober im Kabinett beschlossene Sache sein. Wegen der anhaltenden Differenzen war das aber nicht der Fall. Vor allem die Grünen drängen auf eine schnelle Entscheidung, auch weil am AKW Isar 2 dringende Reparaturen anstehen, wenn es bis April am Netz bleiben soll.

Vor- und Nachteile

Unabhängig davon, wie viele der verbleibenden Atomkraftwerke am Netz bleiben und wie lange sie laufen werden, sollte der Ausbau erneuerbarer Energien in der Debatte nicht ins Stocken geraten, sagt Werner Eckert aus der Umweltredaktion vom SWR. Sie seien die Lösung für das Weltklima.

Zumal die drei verbliebenen Kernkraftwerke nur sechs Prozent des Stroms in Deutschland erzeugen. Deutschland gehört in Sachen Atomkraft also nicht zu den Big Playern. Das sind Russland, die USA, China, Südkorea und Frankreich. Zusammen gehören ihnen 70 Prozent der weltweiten AKWs.

Klickt auf Play für das Gespräch mit SWR-Umweltredaktuer Werner Eckert über die Vor- und Nachteile von Atomkraft und fossilen Energieträgern.
"Nur fünf Staaten haben eine relevante Menge an Atomenergie. Alle anderen rekurrieren nicht auf dieses System. Wir müssen uns nicht schämen, dass wir vielleicht bald keine Atomkraftwerke haben. Wir brauchen nur Lösungen für das Energiesystem."

Pro und Kontra Atomkraft

Würden die deutschen Atomkraftwerke am Netz bleiben, wäre der Beitrag zur klimafreundlichen Energiegewinnung also ein kleiner. Tatsächlich ist Atomkraft relativ CO2-arm, so Werner Eckert. Und in der Vergangenheit war Atomkraft in Deutschland auch ein zuverlässiger Stromlieferant. Allerdings ist das nicht automatisch so. In Frankreich gibt es aktuell große Stromprobleme, weil das Land so stark auf Atomkraft setzt.

Außerdem hat die Vergangenheit gezeigt, was bei einem Reaktorunfall wie in Tschernobyl oder Fukushima passieren kann. Und die Frage nach einem Endlager für Atommüll ist auch noch offen. Im Vergleich zu erneuerbaren Energien ist Atomkraft auch sehr viel teurer, so Werner Eckert.

Pro und Kontra Gas, Kohle, Öl

Anders war es bei fossiler Energie wie Gas, vor allem dem aus Russland. Das war viel günstiger als Strom aus einem AKW. Der Vorteil von Braunkohle ist wiederum, dass es ein Energierohstoff ist, der in Deutschland vorkommt.

Bei fossilen Energieträgern überwiegen allerdings die Nachteile. Zum einen werden bei der Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas sehr viele Treibhausgase ausgestoßen und damit lässt sich die 1,5-Grad-Grenze nicht einhalten. Zum anderen machen wir uns von anderen Ländern abhängig, wie eben Russland.

  • Kurz und Heute
  • Moderation:  Diane Hielscher
  • Gesprächspartnerin:  Ines Grunow, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion