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Könnten die USA Grönland angreifen, um es zu annektieren? Nach dem Militärschlag gegen Venezuela scheint alles möglich. Donald Trump droht: Wir brauchen das Gebiet! Grönland und Dänemark halten dagegen und weisen die US-Ansprüche zurück.

"Wir brauchen Grönland", betont US-Präsident Trump am Sonntag an Bord der Air Force One. Man brauche es für die "nationale Sicherheit". Doch kann ein anderes NATO-Mitglied einfach angegriffen werden?

Alte Fantasien, neue Eskalation

Es war kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als US-Präsident Harry S. Truman verkündete, Grönland kaufen zu wollen. Seine Regierung soll damals 100 Millionen US-Dollar geboten haben. Dänemark lehnte ab.

Donald Trump ist also längst nicht der erste US-Präsident, der Interesse an der größten Insel der Welt hat. Bereits 2019, in seiner ersten Amtszeit, wollte er Grönland gern "kaufen". Im März 2025, zu Beginn seiner zweiten Amtszeit, klang Trump dann schon deutlich härter: Ich denke, wir kriegen’s – auf die eine oder andere Weise. Ende 2025 ernannte er einen US-Sondergesandten für die Insel.

Weiter angeheizt hat die Debatte Katie Mille, die Frau von Trumps Vize-Stabschef, als sie auf der Plattform X eine Karte von Grönland in US-Farben postete. Dazu schrieb sie: "SOON”, also: bald.

Reaktionen aus Grönland und Dänemark

Deutschlandfunk-Nova-Reporter Jan Dahlmann hat sich mit den Reaktionen in Grönland und Dänemark beschäftigt. "Es gibt eine Befragung aus der grönländischen Hauptstadt Nuuk. Da war die Meinung einhellig: Uns kann man nicht kaufen." Auch eine Umfrage aus dem Jahr 2025 zeigt deutlich: 85 Prozent der Befragten sprachen sich gegen eine Übernahme durch die USA aus.

"Diese amerikanische Flagge auf unserer Landkarte. Das ist so respektlos."
Grönländerin in einer Straßenumfrage

Ebbe Volquardsen, der bis vor wenigen Monaten an der Universität in Nuuk gelehrt hat, sagt: Viele Menschen störe vor allem die abfällige Art, in der die USA über ihr Land sprechen. Gleichzeitig hoffen manche Grönländer*innen, dass Trumps Übernahmeansprüche etwas Positives haben könnten – etwa, weil sie die Verhandlungsposition Grönlands gegenüber Dänemark stärken.

Zwischen Unabhängigkeitswunsch und Weltpolitik

Denn Grönland ist kein autonomer Staat, sondern gehört zu Dänemark. Viele Menschen wünschen sich jedoch die vollständige Unabhängigkeit, erklärt Reporter Jan Dahlmann. Auch der im März 2025 gewählte Premier Jens-Frederik Nielsen hatte damit Wahlkampf gemacht: Grönland soll langfristig unabhängig werden.

In Bezug auf die US-Drohungen reagiert Nielsen bislang gelassen und vor allem diplomatisch. "Auf einer Pressekonferenz sagte er, es habe in der Vergangenheit eine gute Zusammenarbeit zwischen Grönland und den USA gegeben – und die solle weiter verbessert werden." Deutlich schärfer äußert sich Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen.

"Wenn die USA ein anderes NATO-Land angreifen, ist es vorbei mit der Weltordnung, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufgebaut worden ist."
Mette Frederiksen, Ministerpräsidentin Dänemarks

Diese klaren Worte seien genau richtig gewählt, sagt Lea Deinzer Konrad. Denn:
"Im Ton kann man gegenüber Donald Trump nicht zu stark sein." Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und forscht unter anderem zur NATO.

Ja, man muss Trumps Worte ernst nehmen, sagt die Politikwissenschaftlerin. Gleichzeitig hält sie es für unwahrscheinlich, dass der US-Präsident mit Grönland ähnlich vorgehen würde wie mit Venezuela. Die politischen und staatlichen Strukturen seien nicht vergleichbar. "Es gab schon immer Konflikte zwischen den USA und Venezuela. Zudem sind die Hürden, Venezuela anzugreifen, niedriger als es bei einem anderen NATO-Land der Fall ist."

Europas begrenzte Optionen

Die USA betreiben in Grönland seit Jahren einen Luftwaffenstützpunkt. Lea Deinzer Konrad sagt dazu: "Die dänische Regierung ist bereit, große Zugeständnisse zu machen. Die USA können dort mehr Truppen stationieren, sie können den Stützpunkt im Endeffekt fast nutzen, wie sie wollen." Im Fall einer Annexion wäre Grönland auf Dänemark angewiesen, weil es keine eigene Armee hat.

Was also könnten Dänemark oder die EU tun? Weitere Deals anbieten, wäre eine Möglichkeit. Grönland verfügt über Bodenschätze und eine strategisch wichtige Lage, vor allem mit Blick auf Russland und China. Entscheidend ist laut Lea Deinzer Konrad aber vor allem eines: europäische Geschlossenheit.

"Die Europäer müssen sich natürlich fragen: Welche Hebel haben wir realistisch gegenüber den USA? Und was sind wir bereit zu tun?"
Lea Deinzer Konrad, Politikwissenschaftlerin

Mehrere europäische Länder – Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Polen, Spanien und Italien – sichern Grönland und Dänemark ihre Unterstützung zu. In einer gemeinsamen Erklärung heißt es: "Grönland gehört seinem Volk. Es ist an Dänemark und Grönland, und nur an ihnen, über Angelegenheiten zu entscheiden, die Dänemark und Grönland betreffen."

Trump stellt internationale Partnerschaften infrage

Ob diesen Worten im Ernstfall Taten folgen würden, ist unklar. "Derzeit sehe ich nicht, dass die europäischen Länder einen militärischen Konflikt gegen die USA eingehen würden", sagt Lea Deinzer Konrad. Klar sei jedoch: Trumps Griff nach Grönland hätte massive sicherheitspolitische Konsequenzen. "Die NATO basiert als Sicherheitsgemeinschaft grundlegend auf dem Versprechen, dass man sich gegenseitig nicht angreift."

Dieses Versprechen habe bislang selbst zwischen jahrzehntelang verfeindeten Mitgliedern wie Griechenland und der Türkei gegolten. Ein Bruch würde das Bündnis "in seinen Grundfesten erschüttern". Hinzu komme die Signalwirkung an andere Länder mit Machtansprüchen.

"Wenn man anfängt zu sagen, wir verteidigen Grönland nicht, dann gibt es natürlich auch Akteure wie Russland, die fragen: Und verteidigt ihr Estland?"
Lea Deinzer Konrad, Politikwissenschaftlerin

Noch hat Donald Trump nicht gehandelt. Noch wurde kein Vertrag gebrochen. Aber allein die Tatsache, dass ein US-Präsident offen über Annexionen spricht und NATO-Miglieder bedroht, stellt jahrzehntelang gewachsene Strukturen und Bündnisse zumindest infrage. Und auch das ist kein unerheblicher Schaden.

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Grönland
Was kann Trump noch stoppen?
vom 06. Januar 2026
Moderation: 
Rahel Klein
Gesprächspartnerin: 
Lea Deinzer Konrad, Politikwissenschaftlerin, Justus-Liebig-Universität in Gießen
Gesprächspartner: 
Ebbe Volquardsen, hat als Wissenschaftler an der Universität von Grönland gearbeitet
Gesprächspartner: 
Jan Dahlmann, Deutschlandfunk-Nova-Reporter