Dass sie heute Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtags ist, hatte Aminata Touré so nicht geplant, obwohl sie sich schon früh politisch interessiert hat. Denn mit dem Rassismusproblem in unserer Gesellschaft musste sie sich seit ihrer Kindheit auseinandersetzen.

Kinder träumen von Berufen wie Feuerwehrfrau, Erzieher oder Tierärztin. Aminata Touré hat definitiv nicht davon geträumt, einmal Vizepräsidentin im schleswig-holsteinischen Landtag zu sein, sagt die 27-Jährige. "Das habe ich nicht geplant", erzählt die Grünen-Abgeordnete, aber ihre Biografie und die ihrer Eltern habe ihr Interesse an Politik und der politischen Arbeit beeinflusst.

Rassismus und Rechtsextremismus nehmen zu

Vor ihrer Geburt mussten ihre Eltern aus Mali fliehen. Aminata Touré kommt in einer Flüchtlingsunterkunft in Deutschland zu Welt, wo sie auch die ersten fünf Jahre ihres Lebens verbringt. "Diese Zustände in unserer Gesellschaft haben mich beschäftigt, die sich in Bezug auf Rechtsradikalismus und Rassismus verschlechtert haben." Das sind die Gründe, warum sie sich politisch damit auseinandersetzt, Politikwissenschaften studiert hat und in eine Partei eingetreten ist.

"Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass es Bundesländer gibt, in denen Rassismus oder Rechtsextremismus keine Rolle spielen."
Aminata Touré, Vizepräsidentin im schleswig-holsteinischen Landtag

Bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein wird Aminata Touré 2017 ins Landesparlament gewählt. Bei den Koalitionsverhandlungen mit CDU und FDP war der Grünenpolitikerin wichtig, dass die Jamaika-Koalition einen Aktionsplan gegen Rassismus beschließt. Die ersten Ergebnisse der Maßnahmen sollen im ersten Quartal 2021 präsentiert werden, sagt Aminata Touré.

Politische Maßnahmen im Kampf gegen Rassismus umsetzen

Am 28. August 2019 wählen die Abgeordneten sie zur Vizepräsidentin des Landtags. Sie ist damit die erste afrodeutsche und jüngste Vizepräsidentin eines deutschen Landesparlaments. Gleichzeitig übernimmt sie die Rolle der Sprecherin für Migration und Flucht und Antirassismus, Frauengleichstellung, Kinder und Jugendpolitik.

"Dass Rassismus in Deutschland ein Thema ist, muss man in seinem Herzen bewegen."
Aminata Touré, Vizepräsidentin im schleswig-holsteinischen Landtag

Jahrzehnte hätte sich die deutsche Gesellschaft damit zufriedengegeben, gegen Rassismus und Rechtsextremismus zu sein. Aber es fehlten konkrete politische Maßnahmen, um dagegen vorzugehen. Erst seit den Anschlägen von Halle und Hanau und den Black-Lives-Matter-Demonstrationen habe sich in Deutschland zum ersten Mal ein Kabinett auf Bundesebene gebildet, das konkrete Maßnahmen benenne. Dass dort die Kanzlerin, Ministerien und Vertreter aus der Zivilgesellschaft gemeinsam über Rechtsextremismus und Rassismus sprechen, hätte schon viel früher stattfinden müssen, meint Aminata Touré.

"Am Umgang mit Minderheiten in einer Gesellschaft misst sich eine Demokratie."
Aminata Touré, Vizepräsidentin im schleswig-holsteinischen Landtag

In Bezug auf Diskriminierung von Minderheiten sieht Aminata Touré in der Gesellschaft eine Diskrepanz in der Wahrnehmung des Problems. "Wenn Minderheiten das Signal senden: Wir verspüren einen Anstieg von Antisemitismus, allein wenn wir auf der Straße lang gehen. Aber die Mehrheitsgesellschaft das nicht als Problem wahrnimmt, haben wir eine Diskrepanz in der Wahrnehmung, wie wir als Gesellschaft zusammenleben", sagt die Politikerin.

"Ich will gar nicht so tun, als würden wir nicht alle irgendwelche blinden Flecken haben. Ich musste auch ganz aktiv darauf aufmerksam gemacht werden, wie es ist, als Mensch mit Behinderung in einer Gesellschaft zu leben, die darauf ausgerichtet ist, dass alle komplett gesund sind."
Aminata Touré, Vizepräsidentin im schleswig-holsteinischen Landtag

Deshalb fordert Aminata Touré alle auf, sich auf den Weg zu machen und bereit zu sein, sich in die Lage anderer Menschen hineinzuversetzen. "Das verlangt das Entwickeln von empathischen Gefühlen und eine empathischen Auseinandersetzung damit." Und wir sollten "uns fragen, in welcher Gesellschaft wir eigentlich leben wollen."

"Die Tatsache, dass sie als Teil dieser Gesellschaft nicht akzeptiert werden, zerstört einige Menschen. Das ist eine krasse Belastung für viele Menschen."
Aminata Touré, Vizepräsidentin im schleswig-holsteinischen Landtag

Im Gespräch mit Deutschlandfunk-Nova-Moderator Sebastian Sonntag spricht Aminata Touré darüber, wie sie als Patin der Polizeischule in Eutin gemeinsam mit dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Daniel Günther das Projekt "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage" begleitet, über Repräsentationsdefizite der Menschen mit Migrationshintergrund, über die weltweite Vernetzung schwarzer Politikerinnen und Aktivisten und über diskriminierende Sprache. Klickt einfach oben auf den Play-Button.