Wenn alle in der Kneipe trinken, fällt es nicht leicht, die einzige Person zu sein, die darauf verzichtet. Nora trinkt keinen Alkohol und erlebt teilweise, dass sie dadurch ausgeschlossen wird. Sozialpsychologe Mathias Kauff erklärt, wie wir uns von Gruppenzwang besser lösen können.

Es ist ein Schlüsselmoment in Noras Leben: Als sie mit ihrer Seminargruppe in Italien ist, fragt der Kellner, wer einen Weißwein möchte. Alle heben die Hand – und Noras Freund schnappt ihre Hand, um sie auch nach oben zu ziehen. Eigentlich wäre ihre Hand aber unten geblieben und er weiß das. Sie kämpft sich durch den Weißwein und fühlt sich schlecht.

"Es gibt aber nie die Situation, dass mich Menschen nicht nach dem Grund fragen, warum ich nicht trinke."
Nora, trinkt keinen Alkohol

Ihr wird klar, dass sie oft nur aus Gruppenzwang mittrinkt und nicht weil es ihr schmeckt. Im Gegenteil: Sie mag weder den Geschmack noch das Gefühl, das Alkohol in ihr auslöst. Außerdem verträgt sie Alkohol einfach nicht besonders gut. Deshalb lässt sie das Trinken sein, auch wenn das oft bedeutet, andere enttäuschen zu müssen oder eine Party abzusagen. Selbst nahestehenden Personen muss sie sich oft noch erklären.

Alkohol begegnet ihr überall

Nora erzählt, dass Alkohol in vielen Bereichen eine Rolle spielt. Inzwischen wissen viele ihrer Kollegen und Bekannten, dass sie nicht trinkt. Viele Menschen würden ihre Entscheidung allerdings schneller akzeptieren, wenn sie sagt, dass sie Alkohol nicht vertrage, anstatt dass sie einfach nicht trinken möchte.

"Vor allem im Arbeitsumfeld spielt Anstoßen und so weiter eine große Rolle. Es ist aber mittlerweile auch angekommen, dass es Menschen gibt, die keinen Alkohol trinken möchten."
Nora, trinkt keinen Alkohol

Obwohl Nora erzählt, dass es mittlerweile angekommen ist, dass einige Menschen nicht trinken möchten, meidet sie Gelegenheiten, in denen viel Alkohol fließt. Nicht, weil sie vielleicht trinken würde – sondern, weil sie nicht mag was Alkohol aus vielen Menschen macht.

Nora Wunderwald im Sonnenlicht
© Martin Wunderwald
Nora muss immer wieder erklären, warum sie keinen Alkohol trinkt

Mathias Kauff ist Sozialpsychologe und forscht zu Gruppen und Gruppendynamiken. Er sagt: Wir Menschen sind soziale Wesen und wollen deshalb zu Gruppen dazugehören und uns ihnen anpassen. Ein wichtiger Teil unserer sozialen Identität ist das Produkt unserer Gruppenmitgliedschaften.

"Wir wollen uns nicht nicht nur einer Gruppe zugehörig fühlen, sondern dem Idealtyp, den eine Gruppe über die eigenen Mitglieder hat, entsprechen."
Mathias Kauff, Sozialpsychologe

Fühlen wir uns sozial ausgeschlossen oder werden sogar faktisch ausgeschlossen, löst das großen Stress in uns aus und bereitet uns Schmerzen. Psychobiologisch unterscheiden sich diese nicht so sehr von physischen Schmerzen, erklärt Mathias Kauff.

Dabei gibt es aber Menschen, die den gefühlten oder faktischen Ausschluss aus einer Gruppe besser aushalten als andere. Einige verspüren einen großen Druck, sich den Normen der Gruppe unterzuordnen, andere weniger.

"Es gibt nämlich einen starken Gegenspieler zu Gruppenzwang: Der Drang einzigartig und individuell zu sein."
Mathias Kauff, Sozialpsychologe

Schließlich wollen wir nicht nur einer Gruppe zugehörig sein, sondern uns ebenso von ihr abheben. Sich diesen Gedanken in Erinnerung zu rufen, kann uns in Situationen, in denen wir uns Gruppenzwang ausgesetzt sehen, helfen uns davon zu lösen, sagt der Experte.

Außerdem rät er, die Gruppe zu verlassen, wenn wir uns unwohl fühlen. Eine andere Möglichkeit könnte sein, an eine andere Gruppe zu denken, die die Gegenmeinung vertritt oder sich im Vorfeld Verhaltensstrategien für solche Situationen zu überlegen.

Auch die Minderheit kann überzeugen

Je öfter wir aus einer solchen Situation erfolgreich hinausgehen, desto leichter fällt es uns auch in Zukunft, dem Gruppenzwang zu widerstehen. Ein Erfolg ist dabei sogar wahrscheinlich: Neben dem Mehrheitseinfluss gibt es nämlich auch den Minderheiteneinfluss, erklärt der Experte.

"Wenn eine Minderheit in einer Gruppe konsistent ihre Meinung beibehält, führt das eher dazu, dass sie uns tatsächlich überzeugt. Während der Mehrheitseinfluss oft dazu führt, dass wir zwar äußern, der Meinung der Mehrheit zu folgen, innerlich aber bei unserer Meinung bleiben."
Mathias Kauff, Sozialpsychologe

Wie Nora gelernt hat, sich dem Gruppenzwang zu entziehen und warum Gruppenzwang laut Sozialpsychologe Mathias Kauff auch hilfreich sein kann, hört ihr in der Ab 21.

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