Gewalt in der Partnerschaft ist weit verbreitet – erschreckend oft mit tödlichen Folgen. Die überwiegende Zahl der Opfer sind Frauen. Sabine Stövesand ist Professorin für Soziale Arbeit und weiß, was wir tun können - als Außenstehende und auch als Betroffene.

In 463 Fällen haben Männer im Jahr 2017 in Deutschland versucht, ihre jeweilige Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten. 147 Frauen sind tatsächlich gestorben. Das geht aus Zahlen des Bundeskriminalamts hervor. Franziska Giffey (SPD), Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, stellte die Statistik am Dienstag (20.11.2018) in Berlin vor. Zu den Tötungsdelikten kommen tausende Fälle von Vergewaltigungen, Körperverletzungen, Stalking und sexueller Nötigung.

Wir haben mit Sabine Stövesand darüber gesprochen, was ihr bei einem Verdacht – zum Beispiel in der Nachbarschaft – machen könnt. Sabine Stövesand ist Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg.

Erst die Aufmerksamkeit, dann die Hilfe

Sie hebt hervor, dass häusliche Gewalt im privaten Raum stattfindet, im Verborgenen. Dennoch hören Nachbarn im städtischen Raum oft, wenn Streitigkeiten in körperliche Gewalt umschlagen, oder sie ahnen zumindest, dass ein Mensch verletzt wird. Dann ist es eine Frage der Einstellung, ob man kaschierte Verletzungen, auffällige Zurückgezogenheit und Ähnliches bemerkt und darauf auch reagiert.

"Da ist immer die Frage der Einstellung. Will ich realisieren, was da ist? Fühle ich mich überfordert? Weiß ich nicht, was ich tun soll?"

Wenn wir lautes Poltern und Weinen hören, das offensichtlich auf einen gewaltsamen Streit zurückzuführen ist, sollten wir die Polizei rufen, empfiehlt Sabine Stövesand. Sie sagt auch, dass es etwas bringt, wenn wir einfach mal an der entsprechenden Wohnungstür klingeln, wir müssen noch nicht einmal das Gespräch suchen. Denn schon das Klingeln kann dazu führen, dass eine Gewalthandlung unterbrochen wird. 

"Nachbarn haben hohes Potential. Die haben kurze Wege. Man kann einfach hingehen, klingeln und wieder verschwinden. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig."

Stövesand sagt auch, dass wir unter irgendeinem Vorwand klingeln können, der die Situation unterbricht, etwa:

  • Ich wollte einen Kuchen backen, aber mir ist das Mehl ausgegangen.
  • Haben Sie ein Ladekabel? Ich finde meines nicht.

Sabine Stövesand hat auch Ratschläge für Opfer von häuslicher Gewalt. Sie sollten so laut wie möglich sein, wenn sie Gewalt erfahren und möglichst rasch die Polizei verständigen.

Fast 140.000 Fälle von Gewalt in der Partnerschaft wurden 2017 angezeigt – zu mehr als 80 Prozent von Frauen, aber auch mehrere 1000 Männer erstatteten Anzeige. Nur diese Fälle können statistisch erfasst werden. Die Ministerin nimmt an, dass nur jedes fünfte Opfer überhaupt Hilfe suche. Sabine Stövesand hat dafür eine Erklärung: Scham- und Angstgefühle. Gewalt stört auch das coole und gelassene Selbstbild.

"Das Thema ist immer noch scham- und angstbesetzt. Frauen sind traditionell für das Gelingen von Beziehungen zuständig."

Tatsächlich sind wohl Hunderttausende betroffen. Die Auswertung des Bundeskriminalamts zeigt zudem, dass rund zwei Drittel der Tatverdächtigen deutsche Staatsbürger sind. Ein Migrationshintergrund wird nicht erfasst.

Ministerin Franziska Giffey setzt sich für einen Ausbau der Hilfsangebote in Frauenhäusern ein. Derzeit könnten in den 350 Frauenhäusern und 600 meist kommunalen Fachberatungsstellen pro Jahr 30.000 Frauen betreut werden. Im Jahr 2020 sollen 35 Millionen Euro in ein Aktionsprogramm gegen Gewalt an Frauen fließen und sowohl Länder als auch Kommunen beim Ausbau von Hilfsstrukturen unterstützen. Rund um die Uhr steht zudem ein Hilfetelefon zur Verfügung, dass in 17 Sprachen anonym berät.

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