Jede vierte Frau in Deutschland kennt häusliche Gewalt - das sagt eine Studie. Und das Thema wird nicht ernst genug genommen - das sagt die Journalistin Mareike Wilms. Sie hat nicht nur mit betroffenen Frauen, sondern auch mit gewalttätigen Männern gesprochen.

Gewalt gegen Frauen - in letzter Zeit wird wieder viel über das Thema gesprochen - vor allem auch wegen der sexuellen Übergriffe in Hollywood und dem Skandal um den US-Produzenten Harvey Weinstein. Aber Gewalt gegen Frauen ist auch hier in Deutschland Alltag. Leider. 

Allein 2016 mussten rund 7000 Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, aus Platzmangel von den Frauenhäusern abgewiesen werden, sagt die Journalistin Mareike Wilms. Betroffen seien alle gesellschaftlichen Schichten. Und kaum jemand traue sich, offen darüber zu sprechen.

"Das Schlimmste ist das Schweigen. Viele Frauen schweigen, weil sie sich schämen. Und auch das Umfeld - also wir - wissen nicht so richtig, damit umzugehen."
Mareike Wilms, Journalistin

Wenn der Partner zuschlägt

Eine Frau, die Mareike von ihren Gewalterfahrungen erzählt hat, ist Jessica. Zweieinhalb Jahre hat es gedauert, bis sich die Frau Hilfe bei einer Freundin und später auch bei der Polizei geholt hat.

"Ich weiß gar nicht, was schlimmer ist: das Verbale oder das Körperliche ... Es ging wirklich richtig tief, sodass ich teilweise auf dem Boden lag und auf mich eingetreten wurde."
Jessica

Mareike wollte wissen: Warum hat Jessica sich das so lange gefallen lassen? Jessica sagt, weil sie eben sehr verliebt war. Natürlich hatte ihr Partner auch liebenswerte Seiten. Nach jeder Entschuldigung dachte sie, alles würde wieder gut.

Mareike meint, das Schweigen zu durchbrechen, sei ein schwerer Schritt für die betroffenen Frauen. Aber auch wir als Freunde und Bekannte sind gefordert:

"Auch wir müssen nachfragen, wenn uns im Umfeld etwas komisch vorkommt. Einfach mutig sein. Hilfe gibt es dann von Opfertelefonen, Beratungsstellen und Frauenhäusern."
Mareike Wilms, Journalistin

Wut, Ohnmacht, Gewalt

Scham erleben aber nicht nur die betroffenen Frauen, sondern auch die Männer, die Gewalt ausüben. Klingt paradox, doch auch für sie ist es schwer zu akzeptieren, was sie ihren Partnerinnen antun.

"Das ist extrem schwer zu ertragen. Deshalb ist es auch so schwierig, diesen Prozess zu durchlaufen. Weil man sich permanent selbst infrage stellen muss. Weil man es erst mal zulassen muss, dass man nicht der ist, der man sein wollte."
Imre - besucht das Programm "Mann sein ohne Gewalt"

Imre - ein auf den ersten Blick netter, junger Typ - erzählt Mareike, dass es bei ihm eine Mischung aus Wut, Ohnmacht und Hilflosigkeit ist, die ihn zuschlagen lässt. Wenn ein Streit eskaliert, scheint ihm das der einzige Ausweg. Er musste erkennen, dass er so handelt wie sein Vater – obwohl er nie so werden wollte.

Auch unter Imres Freunden wusste lange niemand, dass er ein Gewaltproblem hat. "Hier ist das Schweigen noch eisiger als bei den Frauen", sagt Mareike, "denn die Männer schämen sich ja auch". 

Eingestehen, was man tut

Bis sie sich selbst den Spiegel vorhalten, dauert es sehr lange. Oft rechtfertigen die Männer ihr Handeln irgendwie vor sich selbst, sagt die Psychologin Anja Steingen, um sich nicht mit dem, was sie tun, auseinandersetzen zu müssen.

"Dann hat die Frau eben provoziert oder man hat eben getrunken oder man ist es gar nicht gewesen oder man hat sie nicht gewürgt, sondern nur an die Wand gedrückt. Oder oder oder."
Anja Steingen, Psychologin

Mareike sagt, durch ihre Recherche und die Gespräche mit den Betroffenen, hat sich ihr Blick verändert. Früher habe sie nur Abneigung gegen die Männer empfunden, die ihre Frauen schlagen. Heute denke sie, dass auch für die Männer viel Mut dazugehöre, offen zu reden und eine Therapie zu machen. 

Frauen, die Gewalt erfahren, können sich kostenlos rund um die Uhr an das bundesweite Hilfetelefon unter der 08000 11 60 16 wenden - über die Homepage der Aktion gibt es auch Hilfe per Chat und weitere Angebote.

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