Es ist ein gefährliches Abenteuer: Jedes Jahr sterben am Mount Everest Menschen, weil sie viel zu unerfahren sind. Sie bringen dadurch auch andere in Lebensgefahr. Warum lieben wir die Berge so sehr, dass wir uns deswegen Gefahren aussetzen? Dazu Hartmut Rosa.

In Deutschlands Büros und Haushalten hängen mehr Bilder mit Bergmotiven als von der See oder dem Meer. Die Berge faszinieren uns seit etwa 150 Jahren, weil wir uns, so die Theorie Rosas, mit ihnen in einer völlig anderen Lebenssituation befinden – fern vom Alltag und den damit verbundenen sorgenvollen Gedanken und hektischen Aktionen. In den Bergen stehen wir auch anders als am Meer, die "Bezugnahme" zur Welt ist unterschiedlich.

"In den Bergen sein macht glücklich und das Beste daran ist, dass man das verspüren, aber niemals so richtig erklären kann."
Matthias Thönnissen in seinem Song "Obensein"

Inzwischen haben wir die Berge dieser Welt erobert. Mit dem Auto bezwingen wir sie über Serpentinen, Eisenbahnen fahren mitten hindurch, Kletterer, Bergsteiger, Wanderer, ganze Familien sind dort ständig unterwegs: "Nicht immer sind wir gut für die Berge", sagt Rosa. Doch koste es, was es wolle – bis zu 70.000 Euro geben Menschen für eine Besteigung des Everest aus – Hauptsache einmal ganz oben sein. Vielleicht, so Rosa, suchen wir dort die Einsamkeit, obwohl der heutige Massentourismus diesem Wunsch heftig widerspricht. Vielleicht, so resümiert er, liege auch eine Verheißung in den Bergen, aufgrund derer wir glauben, dort unsere Seele zu finden.

"Je mehr die Menschen von den Dörfern in die Städte ziehen, umso besser verkaufen sich Magazine wie Landlust und Schweizer Landliebe."
Hartmut Rosa, Soziologe

Die Jahrhunderte hindurch sind uns die Berge sogar heilig geworden. Menschen glaubten und glauben teils immer noch, im tiefen Inneren der Berge verberge sich irgendetwas, das zu uns sprechen wolle, uns etwas zu sagen habe. Und damit suchten wir eine Verbindung herzustellen. Letzten Endes bleibt das Sehnsuchts-Phänomen "Berg" für uns jedoch mysteriös.

Resonanztheorie von Hartmut Rosa

Der Sozialwissenschaftler Hartmut Rosa hat am 16. Mai 2019 seinen Vortrag an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gehalten. Sein Thema: "Der Ruf der Berge – eine Resonanz-theoretische Deutung". Rosa hat – wie der Titel schon andeutet – die sogenannte Resonanztheorie entwickelt, nach der wir in verschiedenen Lebenssituationen unterschiedlich empfinden und agieren. Rosa sprach auch vor Mitgliedern des Deutschen Alpenvereins aus Anlass dessen 150-jährigen Bestehens.