432 Euro plus die Wohnungsmiete: So viel bekommen alleinstehende Empfängerinnen und Empfänger von Hartz-IV im Monat. Klappt damit ein nachhaltiger Einkauf? In der Theorie ja. Im Alltag hinkt die Rechnung.

Die fair produzierte Jeans aus Biobaumwolle oder die veganen Winterschuhe aus lokaler Herstellung: Nachhaltige oder fair gehandelte Produkte kosten in der Regel mehr Geld als ihr günstiges Äquivalent aus dem Discounter.

Ist das Einkommen aber gering, weil es sich zum Beispiel um einen Hartz-IV-Regelsatz handelt, kann der Wunsch nach einem nachhaltigen Einkauf mit dem Geld, das tatsächlich zu Verfügung steht, im Konflikt stehen.

Regelsatz weder alltagstauglich noch nachhaltig

Auch unabhängig von einem nachhaltigen Fokus gibt es schon seit Jahren Kritik um den Hartz-IV-Satz. Dann geht es vor allem um die Berechnungen für den Regelsatz. In der Theorie würden die festgelegten Budgets zwar aufgehen, in der Praxis aber kaum, sagen Expertinnen und Experten.

Berechnet wird der Hartz-IV-Regelsatz auf Basis von Verbrauchsstichproben. Dafür geben Haushalte mit niedrigem Einkommen bei einer Befragung an, wie viel Geld sie monatlich für verschieden Produkte, Waren und Dienstleitungen ausgeben. Alle Posten, die relevant sind, werden dann in einem Warenkorb gebündelt und im Anschluss wird die Höhe des Regelsatzes festgelegt.

Am Warenkorb orientieren

Für alleinstehende Empfängerinnen und Empfänger von Hartz-IV beispielsweise liegt der Regelsatz aktuell bei 432 Euro im Monat plus den Kosten für ihre Miete. Wie sie die 432 Euro ausgeben, ist ihnen überlassen. Sie können sich aber auch an der Berechnung für die einzelnen Posten orientieren, die der Regelsatz vorgibt.

Für Bekleidung und Schuhe zum Beispiel sind das knapp 38 Euro im Monat. Im Jahr macht das 450 Euro. Damit wäre der Kauf einer fair produzierten Jeans theoretisch möglich.

Berechnung für Kosten zu niedrig

Oft, so die Kritikerinnen, gehe diese Rechnung aber nicht auf. Denn: Manche der Posten im Warenkorb sind so niedrig angesetzt, dass Empfänger und Empfängerinnen von Hartz-IV das vorgesehene Budget für anderen Posten hinzuziehen müssen, um ihre Kosten tatsächlich zu decken.

Für den Punkt Mobilität stehen in unserem Beispiel laut Regelsatz monatlich 36 Euro zu Verfügung. Städter mit einer guten Anbindung an den ÖPNV könnten damit ein Sozialticket bezahlen. Leben die Menschen hingegen auf dem Land und sind deshalb auf ein Auto angewiesen, decken 36 Euro die dann anfallenden Kosten nicht ab, erklärt Katharina Lorenz vom Sozialverband Niedersachsen.

"Lebe ich auf dem Land kann ich nicht einfach auf das Fahrrad steigen und meine Einkäufe bestreiten. Dann brauche ich fast immer ein Auto."
Katharina Lorenz vom Sozialverband Niedersachsen.

Für sie bedeutet das im Umkehrschluss: Für den Posten Mobilität geben sie mehr aus, als im Regelsatz vorgesehen ist. In der Folge haben sie für andere Posten wie Kleidung weniger Geld über. Gedanken an Nachhaltigkeit und faire Lieferketten bleiben auf der Strecke.

Regelsatz beachtet teure Anschaffungen kaum

Hinzu kommt: Je länger die Menschen Hartz-IV beziehen, desto mehr nehmen die Kostenprobleme zu, so Katharina Lorenz. Dabei gehe es weniger um den täglichen Bedarf als um langfristige Anschaffungen.

Müssen sie etwa den Kühlschrank, die Waschmaschine oder andere teuere Geräte ersetzen, würde der Regelsatz die Kosten hierfür kaum abdecken können. Statt dem energiesparenden Kühlschrank wird es dann doch die günstigere Alternative, die möglicherweise mehr Strom verbraucht, eine kürzere Lebensdauer hat und unter schlechteren Arbeitsbedingungen hergestellt wurde.

Wenig Geld für Stromverbrauch

Dabei sind gerade Stromkosten für viele Hartz-IV-Empfänger ein Problem, sagt die Expertin. Auch hier seien die Kosten im Regelsatz zu niedrig angesetzt. Für einige der Empfängerinnen und Empfänger habe das zur Folge, dass ihr Storm abgestellt werde.

Damit sie die Möglichkeit haben, etwa energiesparsame, qualitativ hochwertige Elektrogeräte zu kaufen, soll ein Darlehen Hartz-IV-Empfängern aushelfen. Das müssen sie allerdings über ihren Hartz-IV-Satz wieder zurückzahlen.

"Und dann holst du dir wohl eher eine billigere Waschmaschine als eine, die zehn Jahre hält und schön sparsam ist."
Krissy Mockenhaupt, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin