Die sogenannte Heinsberg-Studie hat Infektionszahlen im Landkreis Heinsberg ermittelt. Verglichen mit den Daten des Robert-Koch-Instituts ist die Zahl fünfmal so hoch. Die Übertragung der Ergebnisse auf ganz Deutschland ist schwierig.

Im Kreis Heinsberg, ausgehend von der Gemeinde Gangelt, gab es im Februar 2020 einen frühe, starke Coronavirus-Verbreitung. Bis Ende März bezeichnete das Robert-Koch-Institut den Landkreis als besonderes Risikogebiet.

Mit der sogenannten Heinsberg-Studie haben Forschende von der Universität Bonn zwischen dem 30.03.2020 und 06.04.2020 gut 900 Personen aus rund 400 Haushalten daraufhin untersucht, wie viele von ihnen infiziert worden sind, wo sie sich infiziert haben und wie das Virus weitergegeben wurde.

Im Kreis Heinsberg waren demnach fünfmal mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert, als die offizielle Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI) ausweist. Das zählt nur Fälle, bei denen Menschen positiv getestet und gemeldet wurden.

Karnevalssitzung als Infektionsort

Die nun vorliegende Studie identifiziert eine Karnevalssitzung als "super-spreading event", wie es in der Studie heißt. Von der örtlichen Sitzung aus verbreitete sich das Virus dann rasant im gesamten Kreis.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um den Virologen Hendrik Streeck der Universität Bonn haben anders als das RKI registriert, wer infiziert ist oder bereits infiziert war. Sie werteten insgesamt Daten von 919 Personen aus. Die ermittelten Zahlen sind Grundlage eines Hochrechnungsmodells.

"Diese Studie ist jetzt eine erste Annäherung an die sogenannte Dunkelziffer."
Christina Sartori, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Bekannt war zuvor, dass nicht jeder Mensch, der sich mit Sars-CoV-2 ansteckt, Symptome zeigt. Die Ergebnisse der Studie lassen nun vermuten, dass etwa jeder Fünfte nichts davon merkt oder sich zwar krank fühlt, aber keinen Husten oder andere eindeutige Symptome hat und sich daher nicht testen lässt oder deswegen gegebenenfalls auch von der Testroutine ausgeschlossen wurde.

Neues Modell, neue Hochrechnungen

Für Heinsberg haben die Forschenden hochgerechnet, wie viele der Infizierten sterben. Das Ergebnis: 0,36 Prozent. Von 1000 Infizierten sterben demnach etwa drei bis vier Menschen. Mit dieser Zahl lässt sich die Gefährlichkeit des Virus einschätzen. Gesundheitliche Folgeschäden werden allerdings bei dieser Zählung nicht berücksichtigt.

Auf ganz Deutschland lassen sich die Ergebnisse der Forschenden nicht übertragen - etwa, weil vermutet wird, dass bei Karnevalssitzungen der Altersschnitt jünger ist als in der Gesamtbevölkerung und das Virus in der Anfangsphase zum Beispiel die Pflegeheime noch nicht erreicht hatte. Laut Zahlen des Robert-Koch-Instituts liegt die aktuell ermittelte Sterblichkeit jedenfalls um Größenordnungen höher.

Die Zahlen aus Heinsberg lassen aber Schätzungen auf die Dunkelziffer und die zu erreichende Dunkelziffer zu. Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Christina Sartori sagt: "Wenn man die Heinsberg-Ergebnisse auf Deutschland hochrechnet, dann kommt man ganz grob auf weniger als zwei Millionen Menschen, die in Deutschland tatsächlich infiziert sind oder schon infiziert waren."

Demnach bleiben noch circa 78 Millionen Menschen in Deutschland, die das Virus noch nicht hatten, die sich noch anstecken könnten.

Ergänzung: Tatsächlich ergeben sich aus der Studie deutlich größere Schwankungen bei der Dunkelziffer der Infizierten als bei der Vorstellung der Ergebnisse angegeben. Nach dem Hochrechnungsmodell der Studie liegt die Zahl der möglicherweise Infizierten in Deutschland wahrscheinlich bei mindestens knapp einer Million, könnte aber auch bis zu fünf Millionen Menschen umfassen. (Stand 07.05.2020)

Kritik an Vermarktung

Der Bonner Virologen Hendrik Streeck ist Hauptautor der Studie. Er gehört zum "Expertenrat Corona", der die nordrhein-westfälische Landesregierung berät und als wirtschaftsnah und lockerungsfreudig gilt. Bereits Anfang April waren vorläufige Ergebnisse der Studie vorgestellt worden.

Im Anschluss war Kritik an der Kommunikation der wissenschaftlichen Ergebnisse in Verbindung mit politischen Handlungsempfehlungen laut geworden: auch hier lautete das Stichwort Lockerungen. Die Kritik hatte sich auch gegen die begleitenden Arbeit einer PR-Agentur gerichtet.

Christina Sartori interpretiert das Studienergebnis eher als Warnung. Es lege offen, dass wohl nur ein geringer Teil der Bevölkerung bisher Immunität erworben hat.

"Auch die Heinsberg-Studie zeigt also: Wir sind noch am Anfang der Epidemie. Bis es einen Impfstoff gibt, ist die große Mehrheit in Deutschland noch nicht geschützt vor diesem Virus."
Christina Sartori, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin