Wir müssen neu über Ratio und Emotion in der öffentlichen Diskussion nachdenken, sagt die Politikwissenschaftlerin Christine Landfried. Emotionen dürften nicht ausgegrenzt werden. Vielmehr sollten Politiker die Ängste der Bürger ernst nehmen. Denn die Demokratie stecke in einer tiefen Krise.

Die Politiker merken nicht, dass sie einen großen Teil ihrer Wähler verloren haben. Diese These stellt die Politikwissenschaftlerin Christine Landfried auf und belegt sie mit beunruhigenden Zahlen: 2016 hatten nur noch 33 Prozent der Bürger Vertrauen in die EU, 2007 waren es immerhin noch 57 Prozent. 

Noch schlimmer sieht es bei den Parteien aus, denen nur noch 15 Prozent glauben. Wie konnte es so weit kommen? Was sind die Gründe?

"Mit schönen Reden haben sie die Krise der repräsentativen Demokratie verdrängt und nun lässt sich die kritische Lage nicht mehr schönreden."
Christine Landfried, Politikwissenschaftlerin

Christine Landfried sieht einen wesentlichen Grund darin, dass die Politiker die Verlierer der Globalisierung weder verstehen noch ernst nehmen. Und allmählich werde es zu spät: Nach ihrer Analyse halte das Tempo der Politik mit dem Tempo der gesellschaftlichen Veränderungen nicht mehr Schritt. Die Hauptschuld gibt sie den Politikern selbst: Wer bei Wahlkampfauftritten trotz Pfiffen und Buhrufen einfach weiterrede, zeige damit mangelndes Verständnis für die Bevölkerung.

Nur Bürger, die sich respektiert fühlten, hätten einen Anreiz, demokratische Spielregeln einzuhalten, sagt Christine Landfried. Darum dürfe man Emotionen nicht verurteilen oder ausgrenzen. Wir alle sollten neu über Ratio und Emotion in der öffentlichen Diskussion nachdenken.

Der Kulturwissenschaftler Uwe Hasebrink rät in einem weiterführenden Kommentar davon ab, die Äußerungen der User auf sozialen Plattformen immer nur fest an die jeweilige Person zu binden. 

"Wir meinen, sie zu kennen: Sie bevorzugen emotionalisierte Botschaften, sie sind anfällig für Fake News, sie posten Hassbotschaften, verschanzen sich in Filterblasen und Echokammern."
Uwe Hasebrink, Medienforscher

In Wirklichkeit - so Hasebrink - äußern auch wir uns auf solchen Plattformen und selbst am Stammtisch säßen auch mal Akademiker zusammen. Es komme also auf den Kontext an, in dem man sich zu Wort melde. Und da wir uns alle in verschiedenen Kontexten bewegten, sollten wir unsere Aufregung darüber ein Stück weit zurückschrauben: Es sei nicht alles nur Filterblase und Fake-News, so Hasebrink.

Die Veranstaltung "Öffentlichkeit im Emotionsmodus. Wendezeiten im wissenschaftlichen und journalistischen Diskurs" wurde ausgerichtet vom Fachgebiet Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg. Die Politikwissenschaftlerin Christine Landfried hielt dazu den Hauptvortrag "Kulturelle Voraussetzungen der Mediendemokratie im 21. Jahrhundert" am 26. Oktober 2017.

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