Manchmal ist es schwierig zu erkennen, wofür genau eine politische Partei steht. Ein paar klare Eckpunkte scheint es aber zu geben. Zum Beispiel, dass die SPD den Gewerkschaften nahe steht und die FDP freundlich zu Unternehmern und Arbeitgebern ist. Das Problem: Das stimmt so nicht.

Bei uns geht es heute um "sozialen Liberalismus". Damit ist nicht die sozialliberale Koalition in der Bundesrepublik in den 1970er-Jahren gemeint. Wir begeben uns vielmehr zu den Anfängen liberalen Denkens in Deutschland. Die Idee: Der Kapitalismus braucht Demokratie und kollektive Interessenvertretungen wie Gewerkschaften. Die zwei Hauptfiguren dieser Denkrichtung: Friedrich Naumann und Theodor Heuss.

"Der Bundespräsident möchte damit bekunden, dass der Staat Aufgabe und Wirkung der Gewerkschaften bejaht und dankbar sein muss für die vielerlei sammelnde und ordnende Kraft, die von ihnen ausging und ausgeht. [...] Das Streikrecht des Lohnempfängers ist eine völlig legitime Sache."
Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) am 4.10.1954 auf dem Bundeskongress des DGB in Frankfurt am Main

Warum sollte uns das alles heute noch interessieren? Weil die Idee eines sozialen Liberalismus eine wichtige Rolle bei der Gründung der Bundesrepublik gespielt hat, sagt Thomas Hertfelder. Sie wirkt bis heute nach - auch wenn sich zurzeit kein Mensch mehr für den Begriff "sozialliberal" interessiert.

"Aus dem politischen Wortschatz der Gegenwart ist der Begriff 'sozialliberal' praktisch verschwunden."
Thomas Hertfelder, Historiker

Thomas Hertfelder ist Historiker und Geschäftsführer der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus. Sein Vortrag hat den Titel "Sozialer Liberalismus in Deutschland - eine vergessene politische Tradition?" Hertfelder hat diesen Vortrag am 4. November 2015 am Hamburger Institut für Sozialforschung gehalten.