Ob ein Mathematiker in Indien aufgewachsen ist oder eine Physikerin aus Dänemark kommt, spielt für die Forschung, die sie machen, keine Rolle. Oder doch? Beeinflusst die Kultur, aus der ein Forscher kommt, seine Arbeit? Ist Wissenschaft in Deutschland anders als in Japan und gibt es vielleicht gar so etwas wie "westliche Wissenschaften"?

Nein, sagt der Philosoph Otfried Höffe, Wissenschaft ist tatsächlich universal. Wenn Physiker versuchen, die Existenz des letzten Elementarteilchens nachzuweisen, wenn Ingenieure umweltfreundliche Motoren entwickeln oder wenn Mathematiker mit altbekannten Formeln unendlich komplizierte neue Beweise entdecken, dann geht es da um Erkenntnisse, die unabhängig von Kultur oder Herkunft sind.

"Die Republik der Wissenschaften sprengt alle nationalen Grenzen. Rein als Wissenschaftler betrachtet, sind Wissenschaftler nicht Bürger einer Stadt, eines Landes oder Teil einer Kultur - selbst nicht des Erdkreises. Sie sind vielmehr Bürger des alle Staatsgrenzen, selbst unseren Globus sprengenden Universums."
Otfried Höffe, Philosoph

Allerdings spielt Kultur im Alltag der konkreten Forschungsarbeit sehr wohl eine wichtige Rolle: Wissenschaftler müssen neugierig sein, ganz besonders auch auf andere Kulturen. Nur so kann Wissenschaft vorankommen.

"Jeder interkulturelle Dialog lebt aus dem Interesse auf andere Kulturen, gesteigert durch die Bereitschaft, Andersartigkeit in ihrem Eigenrecht und Eigenwert anzuerkennen."
Otfried Höffe, Philosoph

Otfried Höffe ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Bis zu seiner Emeritierung 2011 war er Professor für Philosophie an der Uni Tübingen. Sein Vortrag hat den Titel "Universalität – mit Recht auf Differenz: Wissenschaften im interkulturellen Dialog". Mit diesem Vortrag hat er am 23. September 2016 die Jahresversammlung der Leopoldina eröffnet.