Für den Linguisten Anatol Stefanowitsch ist politisch korrekte Sprache "eine Frage der Moral". Die Kritik, solche Sprachregelungen schränkten die Meinungsfreiheit ein, will er nicht gelten lassen. In seinem Vortrag argumentiert er, warum Political Correctness Rede- und Meinungsfreiheit sogar fördern und fordert ergänzend zur Meinungsfreiheit auch eine "Meinungsverantwortung".

Politisch korrekte Sprache zielt darauf ab, diskriminierende Ausdrücke zu vermeiden. Klingt als Ziel grundsätzlich gut, auch wenn politisch korrekte Sprache oft eher unbequem und unelegant daherkommt. Manche Kritiker politisch korrekter Sprache – oft solche aus konservativen oder auch rechten Kreisen - sind allerdings der Ansicht, dass sie unsere Rede- und Meinungsfreiheit einschränke. Das stimmt nicht, sagt der Linguist Anatol Stefanowitsch, eher sei das Gegenteil der Fall. Es gehe dabei gar nicht darum, Meinungen zu verbieten, sondern nur darum, sich auf Regeln für die Sprache zu einigen, mit der diese Meinungen Ausdruck finden. Und das aus guten Gründen, wie er findet.

"Viele derjenigen, die sich beschweren, dass ihre Meinungsfreiheit eingeschränkt wird, haben ein sehr unterkomplexes Verständnis von Meinungsfreiheit, in dem Widerspruch schon als eine Einschränkung dieser Meinungsfreiheit gesehen wird."
Anatol Stefanowitsch, Linguist

Diese Gründe erläutert Anatol Stefanowitsch in seinem Vortrag "Politisch korrekte Sprache: (k)ein Problem für die Meinungsfreiheit". Unter anderem erklärt er an Beispielen diskriminierender Sprache, dass Meinungsfreiheit zwar theoretisch jedem zustehe, praktisch in unserer Gesellschaft aber überhaupt nicht gleich verteilt sei.

"Auch bei der Ausübung von Meinungsfreiheit gibt es Asymmetrien: Meinungen, die in etablierte Frames passen, sind leicht zu äußern. Meinungen, bei denen das nicht der Fall ist, sind schwierig zu äußern."
Anatol Stefanowitsch, Linguist

Meinungen, die als "normal" gelten, seien leichter zu äußern als Minderheitenmeinungen, so der Linguist. Politisch korrekte Sprache könne genau dabei nun helfen - nämlich Diskurse überhaupt erst zu ermöglichen und auch Minderheitenstimmen hörbar machen. Dabei räumt Anatol Stefanowitsch allerdings ein, dass Sprachregelungen auch problematisch sind: "Natürlich gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen jeder Art von normativer Sprachregulierung auf der einen Seite und der Meinungs- und Redefreiheit auf der anderen Seite."

Anatol Stefanowitsch: Zu Meinungsfreiheit gehört "Meinungsverantwortung"

Wenn wir über Meinungsfreiheit diskutieren, sagt er vor allem – mit Verweis auf eine von ihm diagnostizierte Verschiebung des öffentlichen Sprachgebrauchs nach rechts – müssen wir auch über die Verantwortung diskutieren, die mit dieser Meinungsfreiheit einhergeht.

"Meinungsfreiheit ist ein sehr hohes Gut. Aber ich glaube, was diese Diskussion uns auch klarmachen sollte, ist, dass Meinungsfreiheit in sich problematisch ist. Dass sie ein hohes und schützenswertes Gut ist, ändert nichts daran, dass sie gefährlich ist."
Anatol Stefanowitsch, Linguist

Anatol Stefanowitsch ist Sprachwissenschaftler und Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Englische Philologie der Freien Universität Berlin. Zusammen mit Susanne Flach und Kristin Kopf betreibt er das sprachwissenschaftliche Blog "Sprachlog". Seinen Vortrag hat er am 9. Mai 2018 im Rahmen der Ringvorlesung "Redefreiheit" des Center for Language, Information and Philosophy der Uni Köln gehalten.


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