Ohne gemeinsame Normen und Werte würden Gesellschaften ziemlich schnell im Chaos versinken. Regeln machen das Miteinander berechenbarer - aber sie engen uns auch ein. In Stein gemeißelt sind sie auch nicht: Normen werden ständig angezweifelt und dauernd gebrochen.

Es gibt diese Regeln, die scheinen für viele von uns eher den Charakter freundlicher Empfehlungen zu haben: Nicht bei Rot über die Ampel gehen zum Beispiel, nicht fremdgehen oder keinen Müll auf die Straße werfen. Und trotzdem erkennen die meisten von uns diese Regeln im Grunde an, weil sie sich als ganz brauchbar für unser gesellschaftliches Miteinander erwiesen haben. Regeln geben Sicherheit, aber sie sind auch anstrengend. Und das ist in unserem kleinen Rahmen nicht anders als auf der großen internationaler Ebene.

"Die Bedeutung von Normen ist oftmals so vage gehalten, dass Streit darüber gerade vorprogrammiert ist, was sie eigentlich von uns verlangen zu tun oder was wir eben unterlassen sollen."
Nicole Deitelhoff, Politikwissenschaftlerin

Trotz großer Unterschiede politischer Systeme und Kulturen gibt es auch weltweite Normen. Aber selbst grundlegende wie die Menschenrechte sorgen für Streit. Sind sie deshalb gefährdet? Nein, meint die Frankfurter Politikprofessorin Nicole Deitelhoff. Gefährlich wird es eher, wenn Kritik an Normen unterdrückt wird. Denn im Streit werden Regeln und ihre Auslegung ausgehandelt.

"Es ist eben diese Auseinandersetzung, in der wir uns immer wieder für oder gegen eine Norm entscheiden müssen und immer wieder festlegen müssen, was sie in der konkreten Situation bedeuten soll."
Nicole Deitelhoff, Politikwissenschaftlerin

Nicole Deitelhoff ist Professorin für Internationale Beziehungen und Theorien globaler Ordnungen an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und leitet das Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK).

Im Rahmen des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" geht sie als Principal Investigator unter anderem der Frage nach, wann Normen durch Streit geschwächt werden und wann sie gestärkt daraus hervorgehen. Am 6. April 2016, hielt Nicole Deitelhoff im Rahmen der DFG-Vortragsreihe "exkurs" den Vortrag "Von roten Ampeln und Walfangverbot. Wie auch umstrittene Regeln unser Handeln leiten", in dem sie anhand von Beispielen wie dem Walfangverbot die Robustheit von Normen erklärt.